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Brief an einen (vielleicht) werdenden Vater

Mein lieber Junge,

es war so schön, dich am Sonntag wieder mal hier gehabt zu haben.

Seit du ausgezogen bist, sehen wir uns ja kaum noch … nein, nein, ich bin nicht am jammern – es ist ok, alles gut. Ich freu‘ mich, wenn es dir gut geht. 🙂

Wie auch immer, als ich dir beim Essen zugehört habe, dir und deiner Freundin, da fiel mir wieder mal auf, dass mir das nie gelungen war, mit dir richtige Gespräche zu führen. Entweder war ich der Vater, der dir Vorträge hielt oder es kam einfach nichts zustande. Wahrscheinlich ist das ist so ein Vater-Sohn-Ding, mit dem nicht nur die Söhne leben müssen … 🙂

Deshalb dachte ich … ja, deshalb dachte ich, dir einen Brief zu schreiben. Ich stelle mir einfach vor, du und ich haben zusammen zu Mittag gegessen, irgendwo in einem Restaurant und jetzt sitzen wir an einer Bar mit Espresso und einem Stück Schokolade, und … reden.

Zum Beispiel darüber, ob ihr Kinder haben wollt … das war ja am letzten Sonntag kurz ein Thema.

Ja, ich weiß, ich sollte mich nicht einmischen, aber … na ja, wenn wir so an einer Bar sitzen und einfach nur plaudern … und dabei das Thema aufkommt … warum nicht? 🙂

Ich frage mich, ob ihr Kinder wollt.

Überhaupt.

Oder ob ihr sie nur einfach später haben wollt, weil euer Leben gerade so turbulent ist.

Als es zum ersten Mal so aussah, als würde ich Vater werden, hatte ich gerade mein erstes Geschäft eröffnet und hatte alles mögliche Andere im Kopf nur eben kein Kind. Und ich wurde ziemlich giftig, als ich das Gefühl hatte, meine damalige Frau wäre dem zugeneigt.

Für mich fühlte sich das an wie eine ausgewachsene Katastrophe. Wie ein Griff nach meiner Freiheit, die ich so sehr schätzte und mit allen Mitteln verteidigte.

Um so mehr, als wir Kinder eigentlich kategorisch ausgeschlossen hatten.

Aber wenn Frauen schwanger werden, gelten Verabredungen nicht mehr. Das ist etwas, das für uns Männer manchmal wirklich tragisch ist. Wir werden gefragt, ob wir das wollen oder nicht. Aber wir werden nur gefragt – mehr nicht. Zu entscheiden haben wir nicht. Wenn wir das Kind wollen, aber die Frauen nicht, dann wird die Schwangerschaft abgebrochen. Wenn wir keines wollen, die Frauen aber doch, dann haben wir das hinzunehmen … und … ja, wir sind immerhin auch erwachsene Männer und sollten wissen, was wir tun, bevor wir es tun …

Andererseits – die Vorstellung ist absurd, man könnte einer Frau den Willen aufzwingen, den Mann in dieser Hinsicht mitbestimmen zu lassen und das Kind auszutragen, obwohl sie es nicht will, oder die Schwangerschaft abzubrechen, obwohl sie das Kind will. Findest du nicht? Ich schon …

Jedenfalls wurde ich damals garstig – ich glaube, man müsste sagen, dass ich mich wie ein Arsch benommen habe, nur um ihr klar zu machen, dass ich auf gar keinen Fall das Kind wollte. Auf überhaupt keinen denkbaren Fall.

Ihr Frauenarzt sagte mir damals, dass Frauen noch bis etwa dem 3. Monat eher der Meinung ihrer Partner folgen, danach nicht mehr. Danach folgen sie ihren eigenen Instinkten. Und wenn ich heute, aus der Perspektive meines Alters auf dieses Thema schaue, denke ich, sie sollten immer auf ihre innere Stimme hören – schade, dass man sie darin nicht schult, ihre innere Stimme besser wahrzunehmen …

Als wir von dem Schwangerschaftsabbruch nach Hause fuhren, war mehr zu Ende gegangen, als nur die Schwangerschaft. Sie muss sich entsetzlich gefühlt haben. Ich fühlte die Kälte, die sich in mir ausbreitete. Ein schreckliches Gefühl. Und ich war wütend auf mich – obwohl mir mein Kopf sagte, alles sei richtig gewesen. Wir ließen uns scheiden …

Wenn es denn eine Verteidigung meines Verhaltens gibt, dann wäre es die, dass ich damals ein ganz schlechter Vater gewesen wäre. Und also habe ich meinen Frieden mit dieser Vergangenheit gemacht. Ich habe meine damalige Frau nie wieder gesehen – ich hoffe, sie konnte auch ihren Frieden damit machen …

Wenn man älter wird, ändert sich oft die Perspektive, durch die man auf sein Leben schaut.

Man wird mitfühlender – was für uns Männer ziemlich irritierend sein kann.

Aber vielleicht ist das jetzt in deiner Generation anders. Vielleicht seid ihr jungen Männer mitfühlender. Obwohl ich daran Zweifel habe. Ihr seid genauso egoistisch, wie wir es damals waren, nur eben auf eure eigene Weise – und, nein, das soll kein Vorwurf sein. Alles ist gut. 🙂 … Wir alle kommen, um zu lernen … 🙂

Jetzt, in deinem Alter, will man die Welt jeden Tag neu aufbauen, weil man platzt vor Energie und Lebenshunger. Es braucht seine Zeit, bis man die Welt so sieht, wie sie ist – in ihrer unfassbaren Schönheit und mit ihren schier unerschöpflichen Möglichkeiten, als Menschen darin großartig zu werden. Miteinander.

Dazu braucht es oft etwas, das uns an das erinnert, was wir in unserem Herzen wirklich sind. Das uns daran erinnert, wo wir einmal her kamen und wohin wir irgendwann einmal wieder hingehen. Und das ist nicht der Staub!

Jedenfalls wäre die Welt ein sehr trauriger Ort, gäbe es keine Kinder, die genau das tun, nämlich uns an das zu erinnern, was in unseren Herzen schlummert und darauf wartet, geweckt zu werden.

Als viele Jahre danach meine Freundin schwanger wurde, dachte ich, wie perfekt das Timing war. Wir wohnten in einem kleinen Haus mit großem Garten, in dessen Mitte ein Apfelbäumchen stand – wie ein Symbol des Paradieses.

Sie hatte schon ein Kind und wir alle drei hatten eine gute Zeit … und genau deshalb wollte sie unser Kind nicht austragen. Sie fürchtete, ich würde dieses Kind mehr lieben, als ihr Kind, das sie schon hatte. Wer weiß, vielleicht hatte sie Recht in dieser Annahme. Also brach sie die Schwangerschaft ab.

Natürlich hatte sie mich gefragt, ob ich das Kind wirklich haben wollte. Aber, wie schon gesagt, wir Männer werden gefragt – mehr nicht. Und, ja, so soll es sein! Auch damit habe ich meinen Frieden gemacht.

Diese Beziehung mit dieser Freundin endete kurz nach dem Schwangerschaftsabbruch – und ich kann dir ehrlich nicht sagen, weshalb. Aber ich glaube, es hatte nur am Rande mit dem Schwangerschaftsabbruch zu tun.

Schon ein Jahr später, es war am Tag vor Sylvester und ich war mit Freunden im Schwarzwald, sagte mir deine Mama am Telefon, dass sie schwanger war – und ich stand in der Telefonzelle (so was hatte man damals noch, weil noch niemand wusste, was ein Handy war) und wartete für einen Moment. Ich wollte deine Mama nicht bedrängen und ihr sagen, dass ich dich gerne haben wollte, aber ich wollte sie auch nicht fragen, wie sie das sieht – ich wollte ihr einfach Zeit lassen, für sich selbst zu entscheiden. Nicht für uns. Nein, für sich. Ich wäre mit jeder Entscheidung einverstanden gewesen.

Sie wollte dich und ich bin so froh, dass sie sich so entschied, denn wenn ein Kind in dein Leben kommt, ändert sich alles – weil du dich änderst. Weil es dich ändert. Es ist, als ob du zum ersten Mal die Welt in Farben siehst … 🙂

Ich würde dir gerne mehr erzählen, wie es ist, wenn ein Kind in deine Welt kommt, aber täte ich es, würde ich das Gefühl haben, dir zu einem Kind zu raten. Und das will ich nicht. Ich will, dass du tust und empfindest, wie du das eben empfindest – und so entscheidest, wie du es für richtig hältst. Denn du wirst es sein, der mit dem Ergebnis wird umgehen müssen.

Mein lieber Junge, ich will wieder an meine Arbeit gehen und hoffe, mein Brief hat dir nicht das Gefühl gegeben, dein alter Herr wolle sich ungebeten in eure Angelegenheiten einmischen. So gern ich es zugegebenermaßen täte, ich will es nicht. Und ich werde es auch nicht tun.

Ihr werdet wissen, was ihr tut – und es wird in Ordnung sein.

Ich hab dich sehr lieb 🙂

Dein Vater …

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