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Geburt und Selbstvertrauen

Der Körper einer Frau wird während der 9-monatigen Schwangerschaft hormonell auf etwas vorbereitet, was ihm an jedem anderen gewöhnlichen Tag unmöglich wäre. Und doch entscheiden sich in dem Klima, das eine Geburt umgibt, viele Frauen dafür, Chemie zuzuführen, um entweder die Wehen in Gang zu setzen […] oder zu beschleunigen.

(Dr. Marsden Wagner, “Creating Your Birth Plan”)

Braucht man Selbstvertrauen für die Geburt?

Eigentlich braucht man gar nichts, denn die Kinder werden so oder so geboren.

Aber Selbstvertrauen kann schon sehr hilfreich sein – allerdings hängt das davon ab, welchem Selbst Sie vertrauen (wollen).

Bei einem Interview sagte mir eine Gesprächspartnerin:

„Ich habe alle meine Kinder zu Hause auf meiner Couch bekommen. Das war für mich gar keine Frage! Ich suchte mir eine Hebamme, mit der ich ein wirklich gutes Verständnis hatte und zu der ich eine fantastische Beziehung aufbaute. Dann ging ich mit ihr zusammen meinen Weg.”_

Würden Sie nicht auch sagen, dass da jemand strotzt vor Selbstvertrauen?

Oder würden Sie sagen, da strotzt jemand vor Eitelkeit?

Manchmal liegt beides nahe beieinander … 🙂

Drei Stimmen tönen ach in meiner Brust …

Es gibt mindestens drei Stimmen, die Sie (nicht nur bei der Geburt) in Ihrem Inneren wahrnehmen. Aber nur zwei davon sind wichtig:

  1. Ihr Instinkt und
  2. Ihre Intuition.

Die dritte Stimme ist die des kleinen Selbst – von der viele glauben, sie sei Ihre eigene …

Das Flüstern der Zellen

Der Instinkt, den ich gerne das Flüstern der Zellen nenne, hat sein Kraftzentrum im Reptiliengehirn.

Das „Ich” des Körpers, der Instinkt also, definiert sich über die gleiche DNA. Alles, was die gleiche DNA hat, ist Teil dieses „Ichs.”

Ihr noch ungeborenes Baby trägt aber zur Hälfte die DNA seines Vaters …

Es ist immer noch unklar, was eigentlich die Geburt auslöst, aber es mehren sich die Hinweise, dass der Körper der werdenden Mutter selbst in Lebensgefahr kommt, weil er ganz einfach nicht mehr in der Lage ist, genügend Energie für das Baby im Bauch zu verstoffwechseln. Dadurch wird das bis dahin noch unsichtbare Baby plötzlich für den Körper sichtbar und ein Großalarm wird ausgelöst.

Tatsächlich ist die Geburt nichts anderes, als eine ganz natürliche Abstoßungsreaktion des Körpers auf einen Fremdkörper.

Ja, ich weiß, das ist schwer zu nehmen, dass der Körper das Baby im Bauch nicht als Baby sieht, sondern als einen Fremdkörper. Andererseits ist es aber genau dieser Umstand, der ganz prinzipiell für eine schnelle Geburt sorgen würde – sehr wahrscheinlich sogar für eine schmerzfreie, denn das Stammhirn weiß sofort, wie es diesen Fremdkörper am schnellsten und am schonendsten nach draußen bringen kann. Denn an der Geburt Ihres Babys ist der ganze Körper und alle seine Zellen beteiligt. Sie kommunizieren miteinander – oder wenn Sie so wollen: Sie flüstern miteinander.

Deshalb setzt sich Ihr Körper ganz instinktiv in Bewegung und will auch in Bewegung bleiben, weil es so leichter ist, über Druck und Zug und Pressen das Kind zur Welt zu bringen.

Bedauerlicherweise lässt das aber das kleine Selbst nicht so ohne weiteres zu!

Das kleine Selbst …

… entsteht aus dem Körper:

Das Bewusstsein […] ist nicht irgend etwas Mysteriöses, sondern […] das Ergebnis biologischer Prozesse. Es existiert nur auf Grund der unfassbar komplizierten Architektur des Nervensystems, das seinerseits aus den Anweisungen der Proteinmoleküle unserer Chromosomen entstanden ist.

Gleichzeitig sollten wir aber auch erkennen, dass die Art und Weise, wie dieses Bewusstsein funktioniert, nicht vollständig von den biologischen Programmen kontrolliert wird, sondern […] sich selbst kontrolliert. Mit anderen Worten, das Bewusstsein hat die Fähigkeit entwickelt, unsere genetischen Anweisungen zu überschreiben, um einen vom Bewusstsein her gesetzten Verlauf der Handlungen zu entwickeln.

Flow, von Mihály Csíkszentmihályi

Das kleine Selbst geht also aus dem Körper hervor, kann aber unabhängig von ihm handeln. Und deshalb überdecken sich zum Beispiel bei der Geburt die Anweisungen des Körpers und die des Bewusstseins … und, simsalabim: Schon gibt es zwei Stimmen, die bei der Geburt Einfluss nehmen.

Hier ein Beispiel für das, was ich meine:

Pressen oder nicht pressen?

Das ist eine Frage, die sich immer wieder stellt und von Lydi Owen in Bezug auf einen Fallbericht so beantwortet wird:

[…] Wenn sie auf ihren Körper gehört hätte, hätte sie ihr Kind 9 Stunden früher zur Welt bringen können! Aber ihre Hebamme war, wie so viele heute, in Richtung HypnoBirthing unterwegs und hielt sie davon ab, ihrem Pressdrang nachzugeben. Vertraut sie jetzt ihren Vorstellungen von der Geburt oder ihrem Körper?

(Lydi Owen, Nevada,
Hebamme mit weit über 2000 Geburtshilfen)

… und was meinen Sie dazu?

Vertrauen Sie eher auf Konzepte oder auf Ihren Instinkt?

Diese Frage ist wirklich schwierig zu beantworten, denn wer hatte denn schon Gelegenheit, auf seinen Instinkt zu hören? Und wie klingt das, wenn der Instinkt sich meldet? Er tut es ja eigentlich nur in besonderen Situationen wie zum Beispiel bei der Geburt … und klingt genauso wie die Stimme des kleinen Selbst!

Kenne ich!

Der Schwerpunkt des kleinen Selbst beruht auf Gestern und funktioniert im Grunde wie eine Maschine, die Eindrücke aus der Vergangenheit in die Zukunft projiziert.

Während sich der Instinkt auf das Hier und Jetzt konzentriert, rennt das kleine Selbst erst mal in die Speichertiefen des Gehirns um nachzuschauen, ob es etwas findet, was dem (gerade vorbeigehenden) Augenblick entspricht, ob es gefährlich ist und ob körperlich reagiert werden muss.

Das kleine Selbst ist ein Bremsklotz für den Instinkt – aber nicht ohne guten Grund!

Diese Funktion hilft, Zusammenhänge zu verstehen und bewusste Entscheidungen zu treffen. Diese Funktion hilft Ihnen, zu lernen – und für die Schwangerschaft und die Geburtsvorbereitung ist das perfekt!

Nur: Bei der Geburt ist diese Funktion das eigentliche Problem.

Wenn zum Beispiel eine Wehe Schmerzen auslöst, würde der Instinkt die Geburt einfach weiter treiben und vielleicht sogar noch heftiger pressen lassen. Es würde reichlich Adrenalin ausschütten, um die Geburt ohne wenn und aber weiter gehen zu lassen … wie gesagt, für den Instinkt ist das kein Baby, das geboren wird, sondern ein Fremdkörper, der möglichst schnell den Körper verlassen muss.

Aber das kleine Selbst „weiß”, dass das ein Baby ist und will verhindern, dass ihm selbst oder dem Baby etwas passiert. Vor allem will es verhindern, dass die Geburt einfach so weitergeht, denn es will den Schmerz vermeiden. Also schüttet es Hormone und Neurotransmitter aus, die gegen die Ausschüttungen des Instinktes arbeiten.

Es ist ganz offensichtlich, wie sich diese beiden Stimmen gegenseitig überlagern und daran hindern, das zu tun, was sie jeweils besser können.

Es ist, wenn Sie so wollen, nicht die Geburt, die problematisch ist, sondern es sind Gedanken und Erinnerungen an Erlebnisse, die vom kleinen Selbst in die Geburt hineingetragen werden und dann erst zum Problem werden.

Es ist das kleine Selbst, dass das Problem ist.

Ist HypnoBirthing die Lösung? Oder Lamaze?

Ich bin skeptisch!

Alle diese Arten der Geburtsvorbereitung entstammen weder dem Instinkt noch der Intuition, sondern dem Denken, und gerade weil es sich um (Denk-)Systeme handelt, konzentriert man sich auf die Techniken oder auf das System, statt auf den Instinkt oder eben auf die Intuition.

Wenn’s drauf ankommt, wissen Sie nicht, ob Sie zum Beispiel jetzt pressen sollen oder ob es besser wäre, eine Gebärhaltung einzunehmen oder ob es vielleicht noch besser wäre, einfach ein bisschen hin und her zu laufen oder ob die Hebamme vielleicht noch schnell mal nachschaut, wie weit der Muttermund geöffnet ist … Sie wissen es nicht und deshalb suchen Sie entweder nach einer Antwort oder warten auf eine – statt zu gebären.

Und um die Ausgangsfrage wieder aufzugreifen: Braucht man also Selbstvertrauen für die Geburt?

Wie schon gesagt, es hängt davon ab, welchem Selbst Sie vertrauen … wollen … 🙂

Die Stimme des Herzens

Das Herz ist die Quelle der Intuition, die erst später im Gehirn und auf der Verstandesebene empfangen wird.

Rolling McCraty, Institute of Heartmath

Die Stimme der Intuition, die Stimme Ihres Herzens also, sagt Ihnen nicht, was Sie tun sollen, sondern hilft Ihnen, loszulassen, denn was vielen so schwer zu fallen scheint, ist, sich bei der Geburt in den Augenblick hineinfallen- und dabei alles andere loszulassen.

Aber wenn Sie loslassen können, schafft das Ihrem Instinkt den Raum, den er braucht, um das zu tun, was er einfach sehr gut kann: Das Baby so schnell wie möglich zur Welt zu bringen, ohne dem Körper dabei zu schaden – was interessanterweise auch das beste für das Baby ist, denn bis es das Licht der Welt erblickt, ist es in Ihrem Körper ja sicher und geborgen.

Wie aber lässt man los?

In dem man sich fokussiert!

Die Frage ist: Worauf?!

Genau das ist das Problem, dem Sie sich (nicht nur bei der Geburt) gegenübergestellt sehen, denn das kleine Selbst hat da eine ganze Palette von Vorschlägen, worauf Sie sich fokussieren sollten:

  • Auf die Atmung,
  • auf positive Gefühle,
  • auf Bilderreisen, usw.

nur eben nicht auf … ja, worauf eigentlich nicht?

Ich weiß nicht, worauf oder worauf man sich nicht fokussieren oder konzentrieren „sollte,” aber mein Vorschlag ist: Fokussieren Sie auf Ihr eigenes Mantra! Nichts hat so große Bedeutung für die Intuition wie Ihr eigenes Mantra.

Wenn Sie sich bei der Geburt auf Ihr Mantra konzentrieren, wird der Atem folgen müssen – er kann gar nicht anders. Damit brauchen Sie sich schon nicht mehr damit beschäftigen, wie Sie atmen sollen – und ob Sie das richtig machen: Es geschieht von selbst.

Sie brauchen auch keine positiven Bilder, positiven Gefühle oder was auch immer, denn der Fokus auf Ihr eigenes Mantra schiebt „Sie” in eine neutrale Zone – in den Bereich, aus dem positiv und negativ hervorgehen. Das ist der Bereich, auf den es ankommt: der Bereich Ihres spirituellen Selbst … und diesem Selbst sollten Sie vertrauen!

Wenn man also fragt, ob man für die Geburt Selbstvertrauen braucht, dann ist die Antwort ein eindeutiges „Ja” – wenn man sich auf das spirituelle Selbst bezieht.

Das kleine Selbst strickt Ihnen eine Liste mit all dem was falsch ist und vermieden werden sollte und gleich noch eine mit all dem, was richtig ist und was Sie tun sollten. Aber alles, was auf diesen Listen drauf steht, kann in der jeweiligen Situation schicht falsch sein!

Lassen Sie das alles hinter sich! Gehen Sie ganz frei und unbeschwert in die Geburt. Vertrauen Sie Ihren Instinkten und Ihrer Intuition – und was immer dann auch kommt, es wird gut sein!

Was auch immer um dich herum geschieht – fließe mit ihm mit und lass’ deinen Geist frei. Bleib in deiner Mitte, in dem du das, was du tust, akzeptierst.

Chuang Tzu

Genießen Sie die Zeit … 🙂

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