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Atemarbeit – ja oder nein?

Schwangere beim Yoga (Bildquelle: Fotolia.de)

Wenn es um Geburtsvorbereitung und ums Gebären geht, fällt ein Stichwort
eigentlich immer: Atemtechnik bzw. Atemarbeit. Das scheint so klar und
selbstverständlich zu sein, dass man da nur zustimmend nickt.

Ich sehe das aber … mhmmmm … anders!

Das größte Problem ist die Wehe

Die Hebamme Hanna Fischer sagt:

Für die Frau ist bei der Geburt die Wehe das größte Problem und die Frage ist, wie sie damit zurecht kommt. […] Deshalb ist die Atemarbeit das A & O.

Atemarbeit wiederum kann ich aber nur auf Grundlage guter Körperarbeit machen – die Frau muss sich spüren. […]

(Hanna Fischer, Geburtsvorbereitung und Gebären)

Klingt einleuchtend, oder?

Aber hier kommt eine ganz andere Perspektive:

Die Atmung ist zum größten Teil ein automatischer Prozess, der bei einer ausgewogenen Kopf-Nacken-Körper-Beziehung ganz von selbst zustande kommt.

Dieser Prozess wird aber oft von unseren Reaktionen auf Situationen unterbrochen – zum Beispiel durch einen Schreck (oder einen Schmerz). […] Die Atmung wird dann hektisch. Die gebündelte Aufmerksamkeit richtet sich auf den Ort des Schmerzes und führt dazu, den Atem ganz anzuhalten.

Ganz generell ist es keine gute Idee, eine bestimmte Art der Atmung mit einem bestimmten zeitlichen Abschnitt der Wehentätigkeit zu verknüpfen. Es reicht aus, mit einem langen und weiten Rücken so frei und losgelöst wie möglich zu sein und alles andere der Intelligenz des Körpers zu überlassen.

Ilana Machover, A. und J. Drake, The Alexander Technique Birth BookThe Alexander Technique Birth Book

… upps … das ist ja das Gegenteil von Hanna Fischers Aussage, oder?

Die spirituelle Perspektive

Mich interessieren ja nun vor allem die spirituellen Aspekte von Schwangerschaft und Geburt und im Zentrum der Spiritualität steht die Freiheit, immer eine Wahl zu haben: Auf der Ebene des Körpers ebenso, wie auf allen anderen. In der Schwangerschaft und während der Geburt ebenso, wie überhaupt im Leben.

Allerdings: Eine Wahl zu haben, ist die eine Sache, eine ganz andere ist es, diese Wahl auch zu erkennen und wahrzunehmen.

Leben ist Bewegung, oder?

Gebärende haben eigentlich immer einen Bewegungsdrang. Sie sollten deshalb vor der Geburt lernen, Ihrem Körper die Freiheit zu geben, mit diesem Bewegungsdrang auch umgehen zu können – z.B. während einiger Übungsstunden bei der Alexander-Technik, von Feldenkrais oder Zilgrei – bzw. bei einer Hebamme, die eine solche Bewegungstechnik beherrscht und weitergibt.

Das Problem des Wehenschmerzes ist, dass wir instinktiv auf Schmerz durch eine Schockstarre reagieren, weil Schmerz in der Regel ein Hinweis darauf ist, dass etwas nicht in Ordnung ist.

Die Schockstarre liefert uns Zeit, herauszufinden, was nicht in Ordnung ist, um entsprechend zu handeln.

Beim Wehenschmerz ist aber alles in Ordnung. Er ist kein Hinweis darauf, dass etwas schief läuft, sondern dass sich der Muttermund öffnet. Schockstarre in der Folge einer Wehe ist verbunden mit großer Anspannung überall im ganzen Körper. Dadurch ist der Körper nicht frei und kann sich nicht bewegen. Sie haben dann keine Wahl – und keine Freiheit.

Nicht immer ist es notwendig, durch eine Bewegung auf den Wehenschmerz zu reagieren, aber um die Wehen erträglicher zu machen, muss der Körper aus dieser Schockstarre heraus.

Bei der Alexander-Technik liegt die bewährte Abfolge von Handlungen im Loslassen des Nackens, der Weitung und Öffnung des Rückens und der Frage, ob man sich bewegen will oder nicht. Die Idee ist dabei ganz einfach: Akzeptieren was ist und doch dem Körper die Möglichkeit geben, nach seiner eigenen Intelligenz zu handeln, indem man lediglich dafür sorgt, dass die Beziehung zwischen Kopf, Nacken und Rücken austariert ist, was den Körper eben befreit.

Bei der herkömmlichen Geburtsvorbereitung ist das Veratmen der Wehen die Idee – vielleicht im Zusammenhang mit der Einnahme einer Gebärposition. Und bei
HypnoBirthing® sind es Atemtechniken und Trigger, um den Wehenschmerz auszublenden und den Körper sich entspannen zu lassen.

Atemtechniken aber befreien den Körper nicht, sondern sperren ihn in das Atmungsmuster ein, um die Atmung richtig durchführen zu können – weil es ja eine künstliche Art der Atmung ist und eben keine, die sich von selbst ergibt, wenn Kopf, Nacken und Rücken frei sind.

So gesehen schränken Atemtechniken Ihre Freiheit bei der Geburt eher ein.

Der Atem ist nicht der Punkt!

Hanna Fischers Idee, sich als Frau (bei der Geburt) spüren zu müssen, um
über entsprechende Körperarbeit zur richtigen Atemarbeit zu kommen, entspricht der klassischen Vorstellung, dass das Ich ein Körper ist – Sie sind Ihr Körper! Und das ist absolut in Ordnung, wenn das Ihrem Glauben entspricht.

Ich persönlich glaube aber, dass wir spirituelle Wesen sind, die einen Körper haben. Sich als Körper spüren zu wollen ist zwar verständlich und mehr oder weniger nur eine Gewohnheit, ist aber (nicht nur) bei der Geburt eher das Problem und nicht die Lösung, denn spirituell betrachtet bekommen nicht Sie ein Kind, sondern Ihr Körper – und daher ist nicht der Atem das eigentlich Interessante, sondern das Selbst. Der Schlüssel ist dabei Ihre Aufmerksamkeit: Ruht Sie auf Ihrem Körper oder auf Ihrem inneren Selbst?

Und Ihre Aufmerksamkeit verschieben Sie nicht durch den Atem in irgend eine
Trance, sondern durch ein Mantra zu Ihrem inneren Selbst!

Das Mantra ist der Punkt!

Ein Mantra ist etwas, das man Wort nennen könnte, bei dem es aber nicht auf den Sinn des Wortes ankommt, sondern auf die Wirkung.

Ein Mantra ist nichts für die Ewigkeit, sondern hat seine Zeit. Sie finden
es in sich selbst, aber es verändert Ihre äußere Welt.

Durch den Gebrauch Ihres ganz persönlichen Mantras verschiebt sich Ihre Aufmerksamkeit auf Ihr inneres Selbst, während Sie gleichzeitig Ihren Körper loslassen. Es ist durchaus denkbar – und es passiert auch immer wieder – dass Sie dadurch die Geburt wie einen angenehmen Traum erleben, aber das sollte nicht Ihr Ziel sein. Ihr Ziel sollte sein, zu akzeptieren was ist und dennoch frei zu bleiben. Losgelöst.

Geburtsvorbereitung im spirituellen Sinne

So gesehen besteht eine Geburtsvorbereitung im spirituellen Sinne darin,
Ihr persönliches Mantra zu finden und gleichzeitig dafür zu sorgen, dass
Ihr Körper (nicht nur) bei der Geburt seiner eigenen Intelligenz folgen
kann und frei ist – egal ob aufrecht oder auf allen Vieren.

Schlussbemerkung.

Nur schade, dass vor allem Bewegungstechniken in Sachen Geburtsvorbereitung aus der Mode gekommen sind und es daher schwierig geworden ist, entsprechende Unterweisung zu finden. Auch für die von mir so geschätzte Alexander-Technik, habe ich in Deutschland keinen Ansprechpartner gefunden. Nicht einmal vom Deutschen Verband der Alexander-Techniklehrer bekam ich eine Antwort.

In Österreich allerdings war man da aufgeschlossener. Wenn Sie in Österreich leben, wenden Sie sich am besten an die Gesellschaft für F.M. Alexander-Technik, Österreich. Dort wird man Ihnen sicher einen Lehrer nennen können.

Bei Zilgrei ist es schon wieder einfacher. Soweit ich weiß, gibt es viele Hebammen, die Zilgrei in der Geburtsvorbereitung einsetzen. Wenn Sie nach jemandem suchen, der Feldenkrais-Schulungen oder Kurse anbietet, gehen Sie am besten zum Feldenkrais-Verband Deutschland.

Genießen Sie die Zeit …

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