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Hausgeburten riskanter?

Grafik einer Statistik (Bildquelle: Statista.de)

Die Badische Zeitung veröffentlichte dieser Tage einen Artikel, in dem über eine Studie britischer Wissenschaftler zu lesen war. Ich hab die Studie selbst leider nicht finden können und daher nicht gelesen, aber wenn man dem Tenor des Zeitungsartikels folgt, scheint nach der Durchsicht von 65.000 Geburtsverläufen, quer über Großbritannien verteilt, festzustehen, dass für Erstgebärende in England das Risiko von Komplikationen bei einer Hausgeburt doppelt so hoch ist, wie bei einer Klinikgeburt.

Ich liebe solche Artikel! Sie liefern anschauliches Material, unserem Sohn (15) das kritische Lesen von (u.a.) Zeitungsartikel beizubringen.

Gleich im Aufmacher, direkt unter dem Artikel der Badischen Zeitung, heißt es (Zitat):

Das Risiko von Komplikationen ist bei Erstgebärenden bei einer Hausgeburt fast zweimal höher als bei Frauen, die ihr Kind im Krankenhaus zur Welt bringen. Dies ist ein Ergebnis einer großen britischen Studie.

Echt jetzt? Ich wusste gar nicht, dass sich die Zukunft untersuchen lässt … Alles, was eine solche Studie zeigen kann, ist, wieviele Fälle es wovon gegeben hat. Alles andere ist Spekulation – diese Spekulation kann begründet sein oder einfach nur fantasievoller Spekulatius!

Als nächstes betrachten wir die Datenbasis. Man liest: 65.000 Geburten und denkt: „Wow!“ Dann schau’n wir noch mal hin: 65.000 … in Großbritannien wurden im Schnitt der vergangenen Jahre jeweils etwa 660.000 Kinder/Jahr geboren, die untersuchten Geburten machen also knapp zehn Prozent der Geburten eines(!) Jahres aus. Stammt nun die Datenbasis von einem einzigen Jahrgang? Oder von mehreren? Wenn die Daten nur von einem Jahrgang stammen, von welchem? Nach dem Krieg oder vom letzten Jahr? Wenn man sich nur ein einziges Jahr anschaut, läuft man Gefahr, besondere Umstände deutlich über- bzw. unterzubewerten. Ein Statistiker würde über eine solche Erhebung im besten Falle die Nase rümpfen!

Der Artikel fährt fort:

Erstgebärende, die ihr Kind als Hausgeburt zur Welt bringen, müssen demnach in 9,3 von 1000 Fällen mit schweren Komplikationen wie Totgeburt, Hirnschäden, Armlähmungen, Lungenproblemen oder Knochenbrüchen rechnen.

Da sich die Zukunft nicht untersuchen lässt, ist es eine ziemlich dämliche Formulierung, Eltern hätten damit rechnen müssen. Vielmehr schimmert durch diese Formulierung ein Vorwurf hindurch, es sei im Grunde verantwortungslos (gewesen), ein Kind zu Hause zur Welt zu bringen …

Außerdem: Wären denn beispielsweise die Totgeburten nicht auch in der Klinik vorgenommen worden? Kann irgend wer wirklich wissen, ob die anderen genannten Komplikationen nicht auch in einer Klinik geschehen wären? Was also bleibt jetzt noch von der gemachten Behauptung übrig, Hausgeburten seien gefährlicher als Klinikgeburten?

Wenn man sich jetzt noch anschaut, dass sich die Verdoppelung des Risikos im Promillebereich abspielt, kann man deutlich erkennen, dass die Idee des Artikels eher Effekthascherei war, als Information!

Das eigentlich Tragische an statistischen Werten, um das auch noch schnell einzustreuen, ist nicht die errechnete Wahrscheinlichkeit sondern der Umstand, dass der Wert suggeriert, man könne etwas vermeiden! Kinder werden geboren. Auf die eine oder andere Weise. Die Geburt ist real, nicht wahrscheinlich. Und so, wie es geschieht, ist es – Wahrscheinlichkeit hin oder her!

Eine Unterscheidung der Risiken zwischen Haus- und Klinikgeburten ergibt nur dann einen Sinn, wenn man entweder nachweisen kann, dass ein bestimmtes Vorkommnis nur da oder dort passiert wäre oder aber, dass das, was zu Hause passiert ist in seiner Wirkung nur deshalb eskalieren konnte, weil es eben nicht in der Klinik geschehen ist. Bei beidem ist ein Nachweis nur sehr schwierig zu erbringen!

Artikel wie jetzt dieser in der Badischen Zeitung sind tendenziös und und bescheinigen dem Autor eine Voreingenommenheit. Bedauerlich an solchen Artikel ist leider, dass sie von zu vielen Menschen ernst genommen werden.

Genießen Sie die Zeit … trotzdem 🙂 … und kloppen Sie Artikel wie den aus der Badischen Zeitung in die Tonne!

{ 1 comment… add one }
  • Spannender Artikel. Ich hatte mit meinem Mann auch überlegt, ob wir eine Hausgeburt machen. Unser Arzt hat uns davon abgeraten und im KH ist es auch sehr schön, wenn man sich alles fein zurecht macht.

    Allen Müttern alles Gute.

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