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Als man 2. denkt

Bild eines Neugeborenen (Bildquelle: Fotolia.de)

Wenn sie meinen kleinen Artikel von gestern gelesen haben, wissen Sie, worum es heute geht: Sich gut vorbereitet in die Geburt begeben und loszulassen. Sie können ohnehin nichts ändern und müssen nehmen, was kommt.

Ich erhalte öfter mal Geburtsberichte und freue mich immer sehr darüber. Es ist sehr interessant, sie zu studieren. Ich lese sie, wie Träume – und oft erzählen diese Träume eine Menge über die Träumerin …

Sehr oft ist es aber auch so, dass die Autorinnen der Geburtsberichte nicht wollen, dass ihre Aufzeichnungen veröffentlicht werden – und auch bei dem folgenden war es so, dass die Autorin mich darum bat, weder einen Namen, noch den genauen Geburtsort zu nennen. Also sagen wir, dass die geschilderten Ereignisse in Lichtenstein geschahen 🙂

Der Bericht allerdings ist echt und original. Und wenn Sie ihn gelesen haben, werden Sie verstehen, warum das Schreiben des Berichts der Autorin zum einen Erleichterung verschafft hat und zum anderen, warum sie wollte, dass er veröffentlicht wird. Sie schrieb ihn in einem Stück herunter – gewissermaßen von der Seele. Ohne groß über Grammatik oder Satzaussagen nachzudenken. Und gerade das, finde ich, macht ihn so ausdrucksstark, so authentisch …

Sagen wir also, hier kommt der Geburtsbericht von Anastasia aus Lichtenstein: 

Immer wieder wurde ich gefragt, wann es den endlich soweit sei. „Jetzt ist das Baby ja immer noch im Bauch!“ oder „Du musst schon los lassen!“ bekam ich beinahe täglich zu hören. Ich empfand das als schwierig und wollte schon gar nicht mehr auf die Straße gehen oder mit jemandem telefonieren. Das machte mir richtig Druck.

Neun Tage über Termin hatte ich noch eine Untersuchung bei meiner Ärztin – alles ok und bestens, außer dass, das Baby immer noch oberhalb vom Muttermund schwebte und ihn dadurch nicht wirklich aktivierte. Am 10. Tag versuchten wir, mit einem Rizinuscocktail einzuleiten. Um 15 Uhr fing es an zu wirken: Die ersten Wehen kamen.

Ich spürte in mich hinein und genoss jede Welle die kam. An diesem Tag war alles sehr ruhig und zwischen mir und meinem Mann sehr viel Zärtlichkeit spürbar. Wir genossen die Ruhe und diesen sonnigen Tag. Während mein Mann für uns kochte, schaute ich mir den Film Chocolate an. Als die Wehen stärker wurden, setzte ich mich auf den Gymnastikball und ließ meine Hüften kreisen. Es war sehr entspannend und ich stellte mir vor, wie sich alle meine Zellen weiteten und der Muttermund sich öffnete.

Die Wellen kamen immer wieder und ich musste dabei lachen. Sie taten nicht weh und wanderten durch meinen Körper. Der Satz: „Jede Wehe bringt mich näher zu meinem Baby!” begleitete mich ständig. Die Wellen spürten sich sinnlich an. Ich hatte keine Angst. Es tat gut, meinen Mann lesend in meiner Nähe zu wissen. Eine Kerze auf der Fensterbank gab dem dämmrigen Raum Licht.

Zwischendurch telefonierte ich mit meiner Hebamme, die meinte, ob wir nicht um 23 Uhr ins Geburtshaus kommen wollen, damit wir die Herztöne des Babys abhören können. Ich bemerkte, dass ich eigentlich lieber noch zuhause bleiben wollte, stimmte aber zu.

Meine beste Freundin kam uns abholen. Ich war schon etwas in Trance, als wir ins Geburtshaus fuhren. Es war eine schöne Nacht und im Garten des Geburtshauses ließen wir uns im Pavillon nieder. Die Atmosphäre zwischen uns war fein und entspannt und bei jeder Welle musste ich lachen und veratmete sie gut. Es war so schön, die beiden bei mir zu haben.

Nach einer halben Stunde läuteten wir mal an am Geburtshaus, da unsere Hebamme noch nicht da war. Es stellte sich dann aber ein Missverständnis raus, was mir total unangenehm war. Es war wohl ausgemacht, beim Losfahren meine Hebamme anzurufen und nicht zu läuten. Tja das hab ich wohl in meiner Trance nicht wirklich verstanden.

Das Zimmer im Geburtshaus war noch kühl und die Stimmung eher unangenehm – so ganz wohl fühlte ich mich nicht. Mein Mann richtete mit unserer selbstgemachten Geburtskerze den Raum etwas her und meine Freundin stellte Klangschalen auf. Unsere Hebamme kam und machte uns fast ein schlechtes Gewissen, weil wir die Besitzerin des Geburtshauses aufgeweckt hatten. Da waren schon das erste Mal meine Wehen etwas schwächer.

Wir gingen gleich ans CTG, um Wehenabstände und Herztöne des Babys zu kontrollieren. Die Wehen waren wirklich schwächer geworden, aber dem Baby ging es gut.

Die Hebamme schlug vor, noch etwas zu schlafen.

Das Geburtsbett war recht schmal und die Decke recht dünn. Es war uns beiden kalt und wir kuschelten uns so eng wie möglich zusammen. Bei jeder Welle die kam, war mein Mann ganz nah bei mir und drückte fest gegen mein Steißbein. Das tat sehr wohl und unterstützte. Nach einer Weile wollte ich  nicht mehr liegen und wechselte auf den Ball: Mein Mann im Sessel vor mir und wir beide mit einer dünnen Decke umhüllt, so dass uns beiden warm wurde und wir geschützt wie in einer Höhle waren.

Die Wehen kamen regelmäßig und ich konnte sie so gut veratmen. Wir waren eng aneinander gekuschelt und immer wieder küssten wir einander. Es war so sinnlich.

Trotzdem war da was, was mich nicht loslassen ließ. Ich hatte das Gefühl, ich darf hier nichts schmutzig machen und hielt die Harnblase an. Eigentlich musste ich alle 5 min auf die Toilette, aber die war so weit weg und dies würde mich auch jedes Mal rausholen aus dem ganzen. Eine Situation war mir besonders unangenehm: Da kam eine Welle und ich musste unwillkürlich loslassen, so dass ganz viel Harn mit kam. Ich weinte und lachte vor Peinlichkeit. Dann nahm ich ein Handtuch und wischte den Boden damit auf.

Auf dem Ball, mit meinem Mann und in dieser ganz besonderen Nacht – da war so viel Liebe und Sinnlichkeit. So stellte ich mir eine Orgastische Geburt vor.

In der Früh kamen einige Vaginaluntersuchungen, die mir jedes Mal so weh taten und gleichzeitig meine Wehen vergrämte. Auch jede Lageänderung ließen die Wehen verschwinden. Das ärgerte mich. Ich wollte eigentlich nur in Ruhe gelassen werden und nicht ständig alle 10 Minuten ans CTG.

Da der Muttermund sich nicht öffnete und das Baby immer noch oben schwebte, entschloss sich die Hebamme zu einer künstlichen Blasensprengung. Das war ein so extremer Einschnitt in den Geburtsverlauf, dass mir das jetzt noch nachhängt. Mit dieser Blasensprengung wurde in meiner Seele etwas verletzt. Mein Mann und meine Freundin hielten meine Hände, während ich weinte und schrie. Es war ein Schmerz in meinem Herzen.

Danach folgten gute, starke Wehen, die aber wieder aufhörten, wenn ich die Lage veränderte. Der Muttermund blieb auf 2 cm und meine Hebamme meinte, dass sie noch eine Stunde warten würde, aber sie jedoch nicht mehr viele Chancen für eine Geburt hier im Geburtshaus sehe. Danach wollte sie die Geburt ins LKH verlegen.

Das war im ersten Moment ein Schock und ein Schmerz und dann doch irgendwie eine Erleichterung. Eigentlich wollte ich von diesem Ort nur noch weg. Dort noch zu gebären konnte ich mir kaum noch vorstellen.

Der Weg vom Geburtshaus durch den Rosengarten zum Auto war wie ein Trauermarsch und die Tränen rannen mir über die Wangen. Die Autofahrt war wie eine Reise in eine andere Welt, mit Ängsten übersäht und dem Gedanken, dass die, die eine außerklinische Geburt für Risiko und Schwachsinn halten, jetzt auch noch die Bestätigung bekämen! Immer wieder hörte ich in meinem Ohr: „Siehst du, ich hab dir ja gleich gesagt, du sollst in der Klinik entbinden!”

Die Wehen blieben mittlerweile aus, als wir in der Klinik ankamen und ich fühlte mich wie ein Häufchen Elend.

Während eine Hebamme mich in Empfang nahm, erledigte mein Mann die Anmeldeformalitäten. Meine Hebamme erzählte den ganzen bisherigen Geburtsverlauf und übergab mich der Klinik – und als sie weg war, fiel komischerweise etwas Schweres von mir ab. Im Nachhinein gesehen, hab ich da einen Cut zwischen uns gespürt.

In der Klinik wurden während der ersten Stunde Wehentätigkeit und die Herztöne vom Baby beobachtet.  Ich konnte duschen und  mich frischmachen, und für kurze Zeit waren mein Mann und ich noch mal alleine – ohne Hebammen, Schwestern oder Ärzte. Die Liebe und Zärtlichkeit zwischen uns zu spüren, wenn auch nur für kurze Zeit, tat so gut und gab mir neue Kraft. Ich war sehr zuversichtlich in diesem Moment und freute mich, dass wir nun nicht mehr so weit weg von unserem Baby waren.

Da meine Wehen nur alle neun Minuten kamen, wurde ich an einen Wehentropf angeschlossen. Erst wurde mir erklärt, dass die Wehen einfach in knapperen Abständen kommen würden und dazwischen genügend Pausen für mich und das Baby sein würden. Leider erwies sich das als nicht richtig: Die Wehen waren so heftig, dass meine Veratmungstechnik zwischendurch aus den Fugen geriet und ich statt dessen schrill schrie und nur oberflächlich atmete.

Nach 6 Stunden heftigster Wehen wurde mir ein Schmerzmittel angeboten. Die Hebammenschülerin, die mir wie ein Engel vorkam und uns von Anfang an sehr fein begleitete, sprach ganz ruhig mit mir. Sie meinte, nach so einem langen Geburtsprozess und der Erschöpfung wäre ein Schmerzmittel gut.

In meinen Gedanken schwanden alle Wünsche und Idealvorstellungen, wie eine Geburt sein soll, dahin. Künstlicher Blasensprung, Abbruch der außerklinischen Geburt, Klinik, Wehentropf und dann noch eine PDA (Kreuzstich) … na bravo!

„Jetzt ist es eh scho wurscht,” dachte ich mir. „Hauptsache vaginal gebären und wenn ich jetzt ein Schmerzmittel dafür brauche, dann ist das ja nicht so schlimm.”

Nun gut, nach einem Gespräch mit meinem Mann und meiner Freundin ließ ich mir eine PDA geben – die PDA ist besonders eine Herausforderung wenn man so heftige Wehen hat. Man sagte mir vorher noch, dass ich mich trotz PDA gut bewegen und Positionswechsel machen kann. Eigentlich war das dann aber nicht so, denn ich spürte irgendwie nicht mehr viel und konnte mich auch nicht mehr gut bewegen. Man gab mir mehr Wehenmittel und dann traf genau das ein, vor dem ich immer Angst gehabt hatte und so oft passiert wenn man eine PDA bekommt: Herztonabfall beim Baby!

Ich musste mich schnell hin und her drehen (ist ein Kunststück wenn man nicht viel spürt). Danach bekam ich Wehenhemmer, was bewirkte, dass es meinen Körper durchschüttelte, aber zum Glück wurden die Herztöne vom Baby stabiler.

Der Befund des Muttermundes ließ trotz Wehentropf und PDA leider zu wünschen übrig. Vier Zentimeter in 30 Stunden! Das ist und war leider zu wenig! Es bildete sich zusätzlich noch eine Geschwulst, und so war dem Kleinen der Weg durch den Geburtskanal versperrt – und somit die vaginale Geburt verwehrt.

Der Gipfel des Ganzen: Ein Kaiserschnitt!

Wieder ein „na bravo – müssen mir den alle Wünsche und Vorstellungen genommen werden?“

Es war trotzdem eine Erleichterung und mein Mann und ich konnten bis zur OP noch etwas ausruhen. Wir waren beide unglaublich erschöpft und jetzt auch sichtlich erleichtert. Noch ein paar Vorbereitungen für die OP, dann wurde ich hineingefahren.

Im OP war grelles Licht und sehr kühl. Bis unser Baby da war, war ich noch recht munter und aufmerksam. Und dann endlich meinten die Ärzte: „Herzlichen Glückwunsch zu ihrem Kind …” und ich fragte, was es den sei. Da gab es ein großes Freudengelächter: „Oh ein Überraschungskind … Sie haben einen Sohn geboren!

Er wurde mir kurz gezeigt, seine Stirn an meine gehalten und dann zum Kinderarzt und meinem Mann gebracht, der ihn schließlich stolz wieder zu mir in den Kreißsaal zurückbrachte, in dem ich zwischenzeitlich wieder gelandet war.

Jonathan Elias, unser Sohn wurde gebadet, gewogen, gemessen und mir etwas später auf die Brust und auch angelegt zum Stillen. Obwohl ich nicht so viel spürte und extrem müde war, freute ich mich über dieses süße kleine Würmchen das da auf mir lag. Alle drei von dieser abenteuerlichen Reise erschöpft aber sehr zufrieden und glücklich.

Elias Jonathan hat das Licht der Welt erblickt am 30.Juni 2011 um 20.37 Uhr.

Obwohl ich alle meine Vorstellungen ablegen musste, denke ich im Nachhinein, dass es schon einen Grund hatte dass Elias Jonathan diesen Weg gewählt hat, zu uns zu kommen. Im Krankenhaus wurde ich sehr wohlwollend und lieb betreut.  Die Krankenschwestern ermutigten mich vom ersten Tag an zu stillen und waren mir sehr behilflich. Viele Dinge in der Klinik sind zwar nicht so optimal, aber ich denk mir meine Ängste und Vorurteile habe ich mit diesem Erlebnis abgebaut und möchte Frauen davon erzählen die genauso Ängste vor dem klinischen Ambiente haben.

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