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Nein! Keine zwei Gläser!

Schwangere mit Weinglas (Bildquelle: Fotolia.de)

Also manchmal kratze ich mich dann doch am Kopf und frage mich, ob ich spinne! Dieser Tage stolperte ich über eine Meldung zu einer neuen Studie kanadischer Wissenschaftler:

Experten sagen, werdende Mütter können kleinere Mengen Alkohol zu sich nehmen, ohne dabei ihr Baby zu gefährden.

Der Genuss von einem oder zwei Glas Wein während einer Woche führe zu keinem höheren Fehlgeburtsrisiko oder zu Problemen beim Wachstum des Fötus.

daily mail online

Blödsinn!

Hier, ein paar Fakten zu dieser Studie: 

  • Die vorgestellten Ergebnisse entstammen einer Meta-Studie. Eine Meta-Studie ist eine Studie, die Studien(ergebnisse) mehrerer vorhandener Studien untersucht. Die vorliegende Studie untersuchte vorhandene 36 Studien – und wenn keine dieser Studien zum Ziel hatte, den Einfluss von 1 Gramm Alkohol/Tag zu untersuchen, dann kann auch die Meta-Studie diesen Einfluss nicht finden. Nicht, weil es ihn nicht gibt, sondern weil das noch niemand untersucht hat.
  • So wie es die Überschrift der mail online suggeriert, ist es ja nicht. Es ging den Forschern ja nicht darum, herauszufinden, wieviel Alkohol man als Schwangere bedenkenlos trinken kann. Vielmehr heißt es in der Originalstudie:

    Künftige Studien sollten untersuchen, welche Zusammenhänge zwischen niedrigem, moderaten Alkoholkonsum und negativen Geburtswirkungen bestehen.

    denn,

  • die vorliegenden Studien hatten zum Ziel, deutlich zu machen, welche offensichtlichen Folgen ein Mindestkonsum von Alkohol auf die Schwangerschaft hat – und das es diesen Einfluss gibt!
  • wobei wir jetzt noch gar nicht darüber gesprochen haben, ob ein Glas Wein im ersten Schwangerschaftsdrittel die gleiche Wirkung hat, wie im letzten Drittel …

Und jetzt werfen wir schnell noch einen Blick auf die Datenerhebung als Ganzes und auf die mit Studien verbundene Ethik:

  1. Glauben Sie, eine Studie würde Schwangeren auferlegen, ein tägliches Tagebuch über ihren Alkoholkonsum zu führen und dann kommentar- und tatenlos zuschauen, wie sich das entwickelt?
  2. Und: Glauben Sie, eine ethisch gestimmte Forschungsgruppe würde sich an einer Studie beteiligen, die eine Fehlgeburt oder nachgeburtliche Folgeschäden in Kauf nimmt, nur um irgendwelche Studienergebnisse zu erzielen?

In aller Regel werden solche Daten aus dem Gedächtnis der Probanten erhoben. Die Datenbasis ist daher selten präzise (ich hätte das gerne noch nachgeprüft, aber der Bericht sagt dazu nichts und macht auch keine Quellenangaben).

Noch zwei Sätze zum Abschluss: Schwangere, die sich nichts dabei denken, wenn sie mal ein Gläschen Wein trinken, werden meinen Artikel ohnehin nicht wirklich ernstnehmen. So sei es – aber wenn Sie selbst nicht wirklich ganz sicher sind, dass dieses eine Gläschen nicht doch eine negative Wirkung auf Ihr Kleines im Bauch hat … dann lassen Sie es stehen!

Keine zwei Glas Wein pro Woche. Nicht mal eines. Keines!

Genießen Sie die Zeit … alkoholfrei 🙂

{ 5 comments… add one }
  • Hallo Raimund, da kann man sich wirklich nur am Kopf kratzen. Das verrückte ist ja – sowas steht in Großbritannien nicht nur in der Daily Mail, sondern auch in vielen Schwangerschafts-Ratgebern und ist deshalb eine verbreitete Meinung. Ich finde das auch schwer nachvollziehbar, aber andere Länder, andere Sitten. Das gilt ja nicht nur für den Umgang mit Alkohol, sondern auch rohen Fisch, Leberwurst, Rohmilchkäse, Nahrungsergänzungsmittel und anderen Dingen. So schwer ist es doch eigentlich nicht, eine Weile auf Alkohol zu verzichten.

  • 🙂 Und, ehrlich Chris, ist man nicht geneigt zu sagen: „Die spinnen, die Briten!“ …? 🙂

  • Djangolina

    Solche Studien gibt es auch aus Europa / Deutschland. Ich kenne sogar eine pharmakologische Studie, die ein Glas Rotwein pro Tag als Basis nahm und keine Folgeschäden am Kind notierte.
    Fakt ist, dass ein moderater Alkoholkonsum von den genannten ein, zwei Weingläsern pro Woche keine nachweislichen Schäden verursacht. Diese Studien werden aber natürlich von den Forschern und der Presse nicht an die große Glocke gehängt, eben weil sie manche Irre zum Trinken ermuntern könnten.
    Deshalb sind solche Studien aber noch lange nicht „spinnert“. Ich habe selbst schon an medizinischen Studien teilgenommen und selbstverständlich wird dabei ein Tagebuch geführt. Ich finde es auch nicht richtig, alle Schwangere zu verurteilen, die ein Glas Wein trinken. Das tun nämlich viele, und viele davon sind ganz normale, liebe Frauen.
    So eine Aufregung kann ja mal wieder nur von Männern kommen.

  • Ich bleibe bei meiner im Artikel gemachten Aussage, dass ich Studien, die einen Schaden am Kind in Kauf nehmen, für irrelevant und unethisch halte. Nun kenne ich diese Studie, von der du schreibst, nicht – ich würde sie mir gerne vornehmen. Vielleicht kannst du mir die Quelle nachreichen?

    Du schreibst, Fakt sei, dass ein moderater Alkoholkonsum keine nachweislichen Schäden verursacht … vielleicht … tatsächlich nie? Oder nur ‚nicht oft? Oder eher selten? Immerhin sagst du, dass das Fakt sei … Ich stelle mir gerade eine Mutter vor, die ihr Kind mit entsprechender Schädigung im Arm hält und sagt: „Ach weißt du, du bist halt einer dieser Ausnahmefälle … mach dir nix draus, hätte auch jedem anderen passieren können …“ … das meinst du nicht im Ernst, oder?

    Übrigens, aufgeregt bin ich nicht – und doch mache ich eine klare Ansage: „Nicht zwei Glas pro Woche, nicht eines – gar keins!“

  • Hellibelli

    „Das tun nämlich viele, und viele davon sind ganz normale, liebe Frauen.“
    ….und wenn viele ganz normale und liebe Menschen von einer Brücke springen ist das natürlich auch völlig in Ordnung…..

    klar tun es viele liebe und ganz normale Frauen….deswegen gibt es ja eben so etwas wie die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung!! Weil vielen lieben und ganz normalen Frauen nicht klar ist, wie komplex die Embryogenese ist und wie schnell da was schiefgehen kann!!

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