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Auf der Höhe der Zeit?

Bildschirmfoto einer Facebook-Umfrage

„Die Werkzeuge des Geistes werden zur Last, wenn die Umwelt, die sie notwendig machte, nicht mehr existiert.”

Henri Bergson

Als ich noch ein kleiner Junge war, hatten wir zunächst noch kein Fernsehgerät, und als wir schließlich eines hatten, gab es nur am Samstagnachmittag ein Kinderprogramm. Heute finden Sie Kinderprogramme und Zeichentrickfilme rund um die Uhr auf unzähligen Kanälen.

Noch in den sechziger Jahren des letzten Jahrunderts, also vor noch gar nicht sooo langer Zeit, konnte der Ehemann die Arbeit seiner Frau einfach kündigen. Die Frau war zwar schon gleichberechtigt, aber das Bürgerliche Gesetzbuch ließ das noch zu. Mädchen machten da zwar auch Abitur, aber zum einen bei weitem nicht so viele, wie heute, zum anderen wurde das sich anschließende Studium nicht zum Sprungbrett für eine berufliche Karriere. Eher heiratete frau standesgemäß und genügte dadurch wenigstens einer anspruchsvolleren Konversation.

In den letzten vierzig Jahren hat sich gesellschaftlich mehr verändert, als in den davor liegenden zweitausend Jahren zusammengerechnet! Heute machen mehr Mädchen Abitur als Jungens, gelten als strebsamer und zielorientierter, verwalten nachgewiesenermaßen Kundengelder besser und nachhaltiger und lassen mit ungeheurer Geschwindigkeit die Jungens mehr und mehr hinter sich – so sehr, dass seit ein paar Jahren die ersten Stimmen laut werden, die Gleichberechtigung in der Bildung auch für die Jungs(!!!) fordern. 1960 lag die Scheidungsrate bei 12,1%, im Jahr 2008 bei über 50% und in Großstadtlagen bei knapp 65% … !

Ist es ein Wunder, dass Frauen später schwanger werden als in den 1960er Jahren? Es ist eine konsequente Folge der gesellschaftlichen Entwicklung!

Ist es eine Frage, ob die Schwangerschaft einer Frau heute etwas anderes ist, als in den 1960er Jahren? Das kann gar keine Frage sein! Es ist etwas anderes! Wir wissen heute mehr über die biologischen Prozesse der Schwangerschaft,  wir erleben die Schwangerschaft anders und wir betrachten das Frausein und Kinderkriegen insgesamt anders und Frauen erleben die Konsequenzen einer Schwangerschaft viel bewusster und daher anders als früher. Total anders!

Und soll ich Ihnen sagen, was sich auch noch verändert hat? Die Angst vor der Geburt! Sie ist größer geworden, verdrängter und sublimer! Noch nie hat es den Beruf der Hebamme mehr gebraucht, als heute – und wo sind die Hebammen? Jetzt, da wir sie brauchen?

Schauen Sie sich das Bild ganz oben an: Es ist das Bildschirmfoto einer Frage, die Mamiweb heute morgen bei Facebook gestellt hatte:

Schwangerschaftskurse gibt es viele – welche habt ihr besucht und warum?

Mag sein, dass die Antworten, die hier kamen(ich habe die Namen geschwärzt), nicht statistischer Repräsentation entsprechen, nichts desto trotz sind sie identisch mit den Antworten, die ich seit zwei Jahren auf die gleiche Fragen bekomme:

  1. Ich hab nur den Vorbereitungskurs besucht
  2. auch nur Vorbereitungskurs, und der war für’n Arsch – aber die Hebamme hatte eh nicht mehr alle Tassen im Schrank
  3. Geschwisterkurs finde ich super. Wir finden einen Familienvorbereitungskurs total wichtig
  4. gar keinen – hab’s ohne einen Kurs auch ganz gut geschafft

Die Antworten 2) und 4) sind absolute Standardantworten. Beide!

Es gibt ganz gute Geburtsvorbereitungskurse, aber ganz gut reicht heute schon lange nicht mehr. Und es gibt viele schlechte und langweilige Kurse, die das Ansehen der Geburtsvorbereitung ganz allgemein in den Keller ziehen – viel mehr, als gute Kurse ihre Werbung sind.

Neun von zehn Geburten finden in einer Klinik statt – und tatsächlich ist es so, dass die meisten Jungmütter die dort tätigen Hebammen für Krankenschwestern halten. Wie war das möglich, dass sich die Hebammen derart aus dem öffentlichen Bewusstsein verabschiedet haben?

Aus meiner ganz persönlichen Sicht ist es so, dass wohl die überwiegende Mehrheit dieses Berufsstandes schlicht den Anschluss an ihre Zielgruppe verpasst hat und es ist schwer zu sagen, ob sich das je wieder aufholen lässt. Zumindest bin ich sehr skeptisch.

Ich hab mir gestern noch mal die Facebookseite des Hebammenprotests und die Webseite des Hebammenprotests angeschaut – und es fällt mir schwer, auch nur einen wirklich guten Grund zu finden, warum ich den dort vorgestellten Argumenten viel Sympathie schenken könnte. Nein, nicht was die Hebammen persönlich anbelangt, sondern die dort vorgetragenen Sachargumente. Die sind kaum stichhaltig! Alles, was ich dort sehen kann, ist, dass man genau so weiter machen will, wie die letzten vierzig Jahre, Hauptsache man bekommt genug Geld für die Arbeit, dass man das so weiter machen kann. … Das ist der Grund für meine Skepsis.

Es hat sich so vieles verändert. Grundlegend. Ist es da nicht auch an der Zeit, dass die Hebammen sich ändern? Dass sie ihr Angebot überdenken und sich, wie man neudeutsch sagt, neu aufstellen? Man müsse die Öffentlichkeit mehr informieren, heißt es bei den Hebammen oft. Warum jetzt erst? Und: Ob das was bringt?

Es ist so schade, wie sich das entwickelt hat. Ich finde, dass es die Hebammen heute mehr denn je braucht – ich kann nur leider nicht erkennen, dass es funktioniert und sich eine entsprechende Nachfrage bildet, von der alle Hebammen leben könnten.

Genießen Sie die Zeit … trotzdem 🙂

{ 4 comments… add one }
  • Warum sollten sich die Hebammen ändern ? Hat sich der Vorgang der Geburt denn geändert ?
    Die zunehmende Angst ist verschuldet durch die zunehmende Angstmache durch die Medizin um möglichst viel Geld mit dieser Angst zu verdienen. Und das sollen die Hebammen abfangen ?
    Mit was ? Mit anderen / anders aufgestellten Kursen?
    Die Aufgabe der Hebammen sind nicht Kurse sondern Frauen beim Gebären zu unterstützen !
    lg
    Birgit

  • Und wie willst du Frauen beim Gebären unterstützen, wenn du Ihnen nicht dabei helfen kannst, mit ihrer Angst umzugehen? Und wäre da der Kreißsaal nicht ein bisschen spät, um da zu helfen? Und ist es wichtig, wer oder was die Angst verursacht hat? Was änderst du am System, wenn du einen „Schuldigen“ identifiziert hast? Falls das tatsächlich die tatsächlich Ursache ist …

  • Ja, da hast du natürlich Recht. Klar müssen Hebammen die Ängste in Geburtsvorbereitungskursen bearbeiten, aber Hebammen sind auch die, die im Kreissaal die Geburten leiten sollten (und außerhalb dessen in Gebürtshäusern, zu Hause, etc.) und nicht Ärzte. Und vor allem sollte nicht das Geld eine Rolle spielen, sondern die bestmögliche Art der Geburt, nämlich die möglichst natürlich, nicht die schnellste und planbarste. Und nebenbei ist das nämlih auch die billigste und die findet mit Hebammen statt.
    Hebammen sind in erster Linie Geburtshelferinnen und nicht Arzthelferinnen und Geburtsvorbereiterinnen.

  • Jepp! Das ist vielleicht die Schwachstelle überhaupt beim Gebären in der Klinik: Im Grunde leitet die Hebamme, zumindest in Deutschland, die Geburt – aber sie weiß halt auch, wer in der Krankenhaushierarchie ihr Chef ist … und das ist gar nicht so gut! Aber wie es scheint, gibt es eine allmähliche Veränderung in dieser Richtung. Immer mehr Kliniken übergeben die Macht im Kreißsaal den Hebammen … 🙂 … es besteht also Hoffnung 🙂

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