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Gesunder Menschenverstand

Foto einer glücklichen Schwangeren auf einer Wiese, die mit aufgespanntem Regenschirm Luftsprünge macht (Bildquelle: Fotolia.de)

Es ist ganz erstaunlich, wie sich ein so einfacher Begriff wie gesunder Menschenverstand als Tür erweisen kann, um ganz tief in das Wesen und die Ziele von Spiritualität einzutauchen. Wikipedia sagt dazu:

Der Ausdruck gesunder Menschenverstand geht […] auf den lateinischen Terminus‚ sensus communis zurück. Dieser ist eine Übersetzung des von Aristoteles geprägten Begriffs koine aisthesis – ein innerer Sinn mit Sitz im Herzen, der die verschiedenen Informationen der Einzelsinne zusammenfasst und beurteilt.

Wikipedia –>

Es gibt heute unbeschreiblich viele Philosophien und Praktiken, die man der Spiritualität zuordnet, ich bin mir allerdings oft nicht sicher, was das Ziel dieser Praktiken oder Wege ist. Auf die Schwangerschaft bezogen: Geht es darum, alles richtig zu machen und nichts falsch? Also richtig zu gebären und nicht falsch? Geht es darum, allmächtig zu sein? Also selbst zu bestimmen, wie die Geburt zu verlaufen hat?

Auf Steffis Blog findet sich die sehr lesenswerte Geschichte einer Schwangerschaft, die psychisch sehr anstrengend war. Eine ganz typische Situation, in der jemand permanent unter Entscheidungsdruck steht: Schwangerschaftsabbruch? Oder abwarten? Wie hätten Sie entschieden?

Oder eine Schwangere, die sich intensiv auf eine normale Geburt vorbereitet hat und im Kreißsaal plötzlich erfährt, dass das beste jetzt ein Kaiserschnitt sei: Wie würden Sie sich da fühlen? Sie haben vielleicht gelesen, dass heutzutage Ärzte gerne viel zu früh zu einem Kaiserschnitt drängen, oder vielleicht haben Sie in verschiedenen Foren mehrfach gelesen, dass sich nach dem Kaiserschnitt gezeigt hatte, dass er unnötig war – und jetzt plötzlich stehen Sie vor der Situation, ihren Herzenswunsch nach einer vaginalen Geburt aufgeben zu müssen … wie entscheiden Sie? Manchmal erscheint Menschen in solchen Situationen ein Engel – manchmal nicht … wie entscheiden Sie? Nach welchen Kriterien? Werden Sie noch Kriterien haben, wenn Sie nach vielen Stunden Wehen völlig erschöpft sind und im Grunde nur noch hoffen, dass es bald geschafft ist?

Aus meiner Sicht muss Spiritualität zu einem gesunden Menschenverstand führen, einem klaren, im Herzen ruhenden Unterscheidungsvermögen. Zu einem Unterscheidungsvermögen, dass Sie auch dann entscheiden lässt, wenn Sie keine Fakten haben, auf die Sie sich gerade stützen können – einfach, weil Sie vertrauen in sich selbst und in das Leben haben.

Und tatsächlich ist es so, dass es gerade Ihr Selbstvertrauen sein wird, das sich bei der Geburt als Ihr bester Freund erweisen wird, das Ihnen immer wieder dabei helfen wird, sich selbst loszulassen und der Geburt hinzugeben. Im Grunde genommen ist eine Geburt praktizierte Spiritualität. Kämpfen Sie nicht gegen die Angst, sondern lassen Sie sie zu. Angst, im spirituellen Sinn, ist die Zeit die zwischen zwei verschiedenen Zuständen vergeht … 🙂

Genießen Sie die Zeit … 🙂

{ 1 comment… add one }
  • Lieber Raimund,
    zu diesem Thema kannst Du gerne meine Geschichte mit hinzufügen.
    Als dreifache Mutter und zertifizierte HypnoBirthing-Kursleiterin dachte ich, ich wüsste alles über das Kinderkriegen. In meiner vierten Schwangerschaft wollte ich alles nochmal „richtig“ machen, freute mich auf unsere geplante Hausgeburt – sozusagen als Krönung unserer Familienplanung. Entsprechend bereitete ich mich mit Hilfe von Yoga, Atemübungen, Tiefen-Entspannung und Visualisationen auf eine angenehme, wenn nicht sogar ekstatische, erfüllende Geburtserfahrung vor, so wie ich es bei den vorherigen Geburten erleben durfte.
    Leider hat sich mein Wunschbild von der häuslichen Wannengeburt bei Kerzenschein in den Armen meines Mannes vor sieben Wochen nach einer dramatischen Not-OP mit lebensbedrohlichem Blutverlust aufgrund spontaner Plazentaablösung in ein blankes Trauma verwandelt, von dem ich mich immer noch erholen muss.
    Tja, das war ein echter Schock wie mir plötzlich mein Baby aus dem Bauch geschnitten wurde, völlig unvorbereitet-es ging wirklich um Minuten, um Leben und Tod- wie bei einem plötzlichen Autounfall. Ich konnte mich nur noch den Ärzten überlassen, fühlte mich so hilflos.
    Trotzdem haben die Operateure mich gelobt- ich sei so ruhig geblieben, die PDA hätte sehr schnell gewirkt- vielleicht aufgrund meines kleinen selbsthypnotischen Beitrags zu Beginn der OP, so dass ich in einem entspannten „alpha-Zustand“ verweilen konnte und nicht in Panik geriet. Ich habe mich mit meinen Trance- und Atemtechniken der neuen Situation immerhin so gut ich konnte angepasst und wirklich alles gegeben, was ich in dieser Situation hätte tun können: loslassen und abgeben.
    Der kleine Thomas hat zum Glück sofort spontan geatmet und wenig Blut verloren. Er kam sofort auf die Frühchen-Station in das nächst größere KKH, so dass wir die ersten drei Tage getrennt waren. Ich lag einen Tag auf der Intensivstation und habe die erste Woche nur geheult. Der Schock, die Verletzung sitzt tief. Ich lese viel, bin nachdenklich und will immernoch nicht wirklich vor die Tür.
    Mensch dachte, Gott lachte!
    Da waren zuerst die tiefe Trauer und Enttäuschung, dass ich meine Wunschgeburt nicht erlebt habe. Dass mein Körper nicht funktioniert hat, oder wollte das Baby nicht mehr bei mir bleiben? So viele Fragen, die komplett alles anzweifelten, was ich im Leben an Wissen und Erfahrung angesammelt hatte. Ich war mir doch soo sicher, dass ich das wie geplant hinkriege… ich bin „Niederlagen“ nicht gewohnt.
    Dann kam Wut hoch, dann eine Phase des tiefen Selbstmitleids- ach, ich armes Opfer!
    Bis ich langsam auch erkennen konnte, wie viel Glück das Baby und ich doch hatten, dass wir leben dürfen… so dass sich langsam eine tiefe Demut und Dankbarkeit ausbreitet, die mich immer auf ganz besondere Weise mit meinem Kind verbinden wird.
    Der erste große Schock ist überwunden, aber ich werde noch Einiges verarbeiten müssen- ich nehme mir diese Zeit, und habe glücklicherweise auch Menschen um mich, die mich unterstützen. Mit dem kleinen Thomas zu schmusen, ihn zu massieren und zu stillen ersetzt mir ein wenig die letzten Wochen der Schwangerschaft, die ich so gerne noch erlebt hätte.
    Mein Ego würde gerne sehen, wie ich mich in Selbstmitleid suhle und in tiefe Depressionen abstürze- ich hätte schließlich allen Grund dazu, ich Arme, hab ich doch tatsächlich einmal nicht das bekommen, was ich wollte…! Aber da ist zum Glück soviel Liebe, Zuspruch und Freude in meinem Alltag- vier gesunde Kinder und ein liebevoller Mann, der mich versorgt- dass ich es kaum wage, mich über mein böses Schicksal zu beschweren…
    …und dann nuckelt der kleine Thomas schmatzend an meiner Brust, und die Milch läuft ihm links und rechts die Mundwinkel herunter, wie im Schlaraffenland, haha!

    Irgendwann werde ich vielleicht einen Sinn in dieser dramatischen Erfahrung erkennen, sie wird jedenfalls mein weiteres Leben und meine Sichtweise prägen. Und vielleicht kann ich es dann irgendwann als Stärke sehen, dass mein Kind und ich am 19. März 2011 beide überlebt haben bzw. neu geboren wurden.

    Ganz liebe Grüße, wir bleiben in Kontakt.
    Ich bin jetzt erst einmal mit Aufzucht beschäftigt 🙂

    Deine JULIA

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