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Geburtsplan mal andersherum betrachtet

Creating Your Birthplan, Dr. Marsden Wagner

Creating Your Birthplan, Dr. Marsden Wagner

Als ich meinen gestrigen Artikel schrieb, fiel mir ein Ereignis ein, das unmittelbar vor der Geburt stattfand: Meine Frau, wie ich schrieb, hatte sich rücklings gegen mich gelehnt und lauschte mit geschlossenen Augen meinem Summen. Es war ein Moment intimster Zweisamkeit, wie ich ihn nie zuvor erlebt hatte. Es war, als wären wir beide aus der Zeit verschwunden und alle Wehen, alles Warten, alles Erdulden habe sich im Nichts aufgelöst.

Ich war immer ein Befürworter für das sich Erstellen eines Geburtsplans. Nicht dass ich der Illusion verfallen wäre, dass Sie in welcher Klinik auch immer irgend eine Chance hätten, den durchzusetzen. Schon aus rein rechtlichen Gründen geht das nicht. Nein. Ich finde es gut, weil es eine Frau oder ein Paar dazu bringt, sich mit dem Thema Geburt auseinanderzusetzen: Wie läuft das ab? Was kann schief gehen? Wie wird üblicherweise vorgegangen, wenn dieses oder jenes eintritt? Was könnte man statt dessen tun und was wäre besser? Und so weiter. Dann macht man sich Notizen und schreibt auf, was man sich wünscht was im Falle eines Falles zu tun ist. Das ist ein Vorgang, der alles mit Wissen und Verständnis zu tun hat. Und dann legt man diesen Plan auf die Seite und vergisst ihn am besten.

Nachdem meine Frau und ich eine Weile vor uns hingeträumt hatten, fing sie an, herumzulaufen. Sie wurde unruhig. Wenn eine solche Stille einkehrt, eine solche Zweisamkeit, wie wir sie erlebt hatten, übernehmen sehr rudimentäre Instinkte und Mechanismen das Ruder – das beste, das passieren kann! Die Kreißende hört mehr auf ihre innere Stimme … wenn man sie lässt. Aber man ließ sie nicht. Immer und immer wieder kam eine Hebamme herein, hieß meine Frau sich hinzulegen, um dann in ihr herumzuwühlen. Ich fand das äußerst unangenehm. Und störend. Vor allem aber bedeutete es für meine Frau, dass ihre Urinstinkte zurückgedrängt und von der kognitiven Sphäre des Gehirns abgelöst wurden – was in der Folge zu weiteren Verzögerungen führte.

Wie auch immer, als es schließlich gegen 23:00 Uhr war, kam der diensthabende Frauenarzt hereingestürmt, meinte, dass jetzt genug gewartet sei, und setzte ohne lange zu fackeln einen Dammschnitt, um dann mit der Zange unseren Jungen zu holen.

Ich stand im Kreißsaal, beide Hände zu Fäusten geballt und überlegte, ob ich diesen Idioten aus dem Fenster schmeißen sollte. Das war ein derart ungeheuerlicher Auftritt, dass mir jetzt noch die Worte fehlen!

Worauf ich hinaus will, ist folgendes: Angenommen, ein Paar macht sich einen Geburtsplan und beschließt, dass ein Kaiserschnitt wirklich nur im äußersten Fall gemacht werden soll, dann klingt das sehr einfach. Aber wenn Sie keinerlei Erfahrung in einem Kreißsaal haben, wenn Ihnen die Szenerie dort fremd ist, kurz: Wenn es ihre erste Geburt ist, geht das so schnell, dass sie gar nicht merken, was eigentlich geschieht! Niemand kann das wirklich verhindern: Nicht die Kreißende und nicht ihr Mann.

Aber selbst wenn der Partner den Nerv hätte, „Stop!“ zu rufen, und vielleicht noch „wir wollen das nicht!“  – was denken Sie, was der Arzt machen wird? Wenn er cool ist, hat er den Schnitt gesetzt ehe der Partner etwas gesagt hat und dann ist es schon zu spät. Aber selbst wenn nicht, wird der Arzt fragen, ob er denn glaube, er treffe eine solche Entscheidung zum Spaß und ob ihm klar sei, dass jede Sekunde Wartezeit das Leben des Kindes oder der Mutter riskiert. Wer wird dann „egal!“ sagen (können)?

Wenn Sie glauben, Ihr Mann könne Sie vor einer Sectio schützen, irren Sie sich! Weder kann er das, noch wird er das. In aller Regel sind die Abläufe ohnehin anders – zumindest heute und zumindest an vielen Kliniken. Der Arzt wird ihnen die Situation erklären und vorschlagen, vielleicht noch ein bisschen zu warten und wenn die Geburt bis da und dahin nicht vorwärts gekommen ist, dann doch eine Sectio vorzunehmen … und wer kann da „nein!“ sagen? Beim ersten Kind?

Und noch eine letzte, sicher nicht weniger interessante Anmerkung: So ungeheuerlich ich den Auftritt des Frauenarztes fand, so erleichtert war meine Frau! Sie sagte mir später, sie sei so froh gewesen, dass endlich jemand gekommen sei, um eine Entscheidung zu treffen. Sie wollte nur noch, dass es vorbei ist … so unterschiedlich können die Wahrnehmungen über ein und denselben Vorgang sein … 🙂

Genießen Sie die Zeit … 🙂

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