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Auge um Auge oder: Kein Bock auf das Kind

Mit unserem Briefträger verbindet mich eine wirkliche Freundschaft. Er ist Amerikaner, der sich irgendwann in eine Deutsche verliebte, in Deutschland blieb und seit dem mit ihr und ihren drei Kindern nicht weit weg von mir lebt. Er ist Mormone, wie viele Amerikaner – und wie alle anderen in seiner Familie auch. Da ich selbst auch einer Minderheitenreligion angehöre – und Mormonen sind in Deutschland eine Minderheitenreligion – haben weder er noch ich allzu viele Möglichkeiten, Gespräche abseits des üblichen Mainstreams zu führen. Und da er sehr viel Toleranz mitbringt war es für uns beide immer eine Bereicherung, unsere beiden Weltanschauungen miteinander zu vergleichen.

Schwangerschaftsabbrüche sind nicht nur in Deutschland ein immer wieder heftig umkämpftes Thema, bei dem es aus meiner Sicht viel weniger um einen Konflikt geht, den eine Frau hat (falls sie ihn hat!), sondern viel mehr um den Kampf religiöser Vorstellungen!

Für konservative Christen beginnt das menschliche Leben im Augenblick der Befruchtung der weiblichen Eizelle. Ab diesem Augenblick existiert für sie der Mensch und ist dieses Leben unantastbar. Ultrakonservative Christen kommen beim Thema Schwangerschaftsabbruch mit dem alten Testament: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Eine Frau, die ihre Schwangerschaft abbricht, mordet – und gehört daher gesellschaftlich geächtet. Mindestens …

Für meinen Freund, den Briefträger, sind wir Menschen eigentlich Geistwesen. Geistwesen, die für ganz bestimmte Erfahrungen als Menschen mit einem menschlichen Körper geboren werden müssen. Sie können diese Erfahrungen eben nur durch dieses physische Leben machen. Manche kommen mit viel Lernaufträgen, dann haben sie ein langes Leben. Andere vielleicht nur mit der Aufgabe, einen Atemzug zu machen. Das sind Babys, die sehr früh sterben. Ich bin nicht sicher, ob ein Mormone daher mit einem Schwangerschaftsabbruch wirklich ein Problem hat …

In Frankreich, wo Christen die Majorität der Glaubensgemeinschaften stellen, beginnt menschliches Leben mit dem ersten Atemzug. Schwangerschaftsabbrüche sind weit später als bis zum Ende des dritten Schwangerschaftsmonats möglich.

Das Judentum hat kein Problem mit Schwangerschaftsabbrüchen. Buddhisten üblicherweise auch nicht. Taoisten schon mal gar nicht. Hinduisten auch nicht.

Es ist offensichtlich, dass es beim Thema Schwangerschaftsabbruch gar nicht um die Schwangerschaft an und für sich geht, sondern um religiöse Überzeugungen. Um Prinzipien mehr, als um Liebe. Ja, es stimmt, eines der zehn Gebote sagt: Du sollst nicht töten. Aber sagt nicht auch ein anderes: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst? Und heißt es nicht in der Bibel: „Der Herr sprach, mein ist die Rache …“ …?

Es gibt Frauen, die schwanger werden und dieses Kind nicht wollen. Einfach so. Sie haben vielleicht, wie man neudeutsch sagt, keinen Bock auf Kind. Was will man diesen Frauen vorwerfen? Dass sie nicht empfinden, was sie nach anderer Lesart empfinden sollen? Das hieße, übertragen formuliert, einen Geldbeutel dafür zu bestrafen, weil er leer ist …

Und dann gibt es Frauen, die wirklich mit sich ringen. Die nicht wissen, was richtig und falsch ist. Sie erfahren vielleicht im zweiten Monat von ihrer Schwangerschaft und haben dann gerade mal noch vier bis sechs Wochen Zeit, eine so weitreichende Entscheidung zu treffen? Ist das menschlich? Und ist da religiöse Überzeugung wirklich so viel wichtiger, als Verständnis, Mitgefühl und Toleranz?

Unsere gegenwärtige Antwort auf diese Situation in Deutschland lautet, die Frau solle doch, wenn sie über den dritten Monat hinaus ist, ihr Kind bekommen – und dann weggeben. Und glaubt irgendwer, dass das die menschlichere Lösung ist?

Und geht es hier um Menschlichkeit oder um religiöse Überzeugungen? Die Idee ist, die Rechte des Kindes von Beginn an zu schützen und das meint in Deutschland, vom Beginn der Befruchtung an …

Für meinen Freund, den Mormonen, ist es so, dass wir Menschen Fehler machen. Das wir manchmal, besseres Wissen hin oder her, schlechte Entscheidungen treffen. Oder gar falsche. Für Mormonen ist daher Jesus Christus der entscheidende Anker, der durch seinen Tod die Sünden von uns genommen hat.

Wenn Jesus uns verzeihen kann, sollten wir als Christen dann nicht diesem Beispiel folgen und, ganz gleich wie sehr wir in unseren religiösen Ansichten verwurzelt sind, nicht zuerst verzeihen und alles darüber Hinausgehende der göttlichen Kraft überlassen?

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