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Was, wenn sich die Liebe nicht einstellt?

Foto einer schlummernden Schwangeren (Bildquelle: Fotolia.de)

Eine frühere Kollegin meiner Frau, eine junge Frau, noch keine zwanzig, noch in Ausbildung, erschien von heute auf morgen nicht mehr an ihrem Arbeitsplatz. Kein Telefon, keine Krankmeldung, keine Nachricht. Gar nichts. Auch ihre Mutter, zu der sie eigentlich ein sehr enges Verhältnis hatte, wusste nichts. Es kam was kommen musste: Man stellte ihr die fristlose Kündigung zu. Dann hörten wir eine Weile praktisch nichts mehr von ihr. Einmal hieß es, sie würde jetzt in einer Bar arbeiten, aber so richtig bestätigen konnte das wohl keiner – es interessierte sich aber nicht wirklich jemand dafür. Bis eines Tages plötzlich alle aufhorchten. Sie war wohl irgendwann schwanger geworden. Eine Freundin, die eines bestimmten Tages plötzlich in der Nähe war, beschloss einen Spontanbesuch und fand die junge Frau offensichtlich in Wehen und mit geplatzter Fruchtblase zu Hause und rief sofort einen Krankenwagen. Sie kam ins Krankenhaus, brachte ihr Kind auf die Welt und erst mal war alles gut. Dann aber begannen sich Ärzte und Pflegepersonal zu wundern: Es kam keinerlei Besuch, Babykleidung war nicht vorhanden und ganz offensichtlich war diese junge Frau überhaupt nicht auf das Baby vorbereitet. Auch zu Hause fand man wohl nichts, was auf die Ankunft eines Babys hingewiesen hätte …

Die BZ hatte diese Woche als Thema „Es existieren keinerlei Muttergefühle„. Der Gerichtspsychiater Dr. Platz sagt im Artikel:

Bei einer sogenannten nicht erkannten Schwangerschaft wird das Kind nicht als Kind betrachtet, sondern als Objekt. Es existieren keinerlei Muttergefühle. Oft sind es sehr junge, unreife, einfach strukturierte Frauen, die ihre Kinder töten.

und genau das war die Annahme, die natürlich alle Kolleginnen und Kollegen der oben beschriebenen jungen Frau auch hatten: Wahrscheinlich wollte sie das Baby alleine zu Hause zur Welt bringen und dann entsorgen

Wenn Sie selbst gerade schwanger sind und sich vielleicht darüber freuen wie ein Schnitzel, werden Sie diese Geschichte sicher mindestens mit Verwunderung betrachten. Wie ist es möglich, ein Kind im eigenen Leib als Objekt zu betrachten und so zu tun, als gäbe es da nichts?

Bei all unseren üblichen Betrachtungsweisen in Sachen Gesundheit, Normalität, richtiges Verhalten beziehen wir uns immer auf einen durchschnittlichen Wert einer großen Zahl. Wenn die meisten so sind, ist das wohl normal. Als die Deutschen am 1. August 1914 mobil machten, um in den ersten Weltkrieg zu ziehen, feierte das ganze Land. Die meisten Deutschen hielten das für einen Ausflug nach Paris und steigerten sich regelrecht in einen nationalen Rausch. Sie sehen, was die meisten Menschen denken ist dann der Durchschnitt aber noch lange nicht normal.

Die meisten Frauen freuen sich über ihre Schwangerschaft – auch wenn es manchmal ein bissel dauern kann bis sich die Freude einstellt, vor allem wenn die Schwangerschaft gar zu überraschend kam. Aber es sind eben nicht alle und es ist leicht, die, die es nicht sind, als geisteskrank abzuschreiben. Tatsächlich ist es aber gar nicht mal so selten, dass Schwangere immer wieder auch unter Beklemmungen leiden, weil sie das Gefühl haben, sich nicht genug auf ihr Baby zu freuen, nicht oft genug an das Baby oder die Schwangerschaft zu denken …

Es ist schwer zu sagen, warum eine Frau, egal wie alt und in welchen Umständen lebend, ihre Schwangerschaft ausblendet und das in sich heranwachsende Baby als Objekt betrachtet. Aber beruhigt es Sie, wenn wir das als krank bezeichnen?

Vielleicht muss man manchmal einfach hinnehmen, dass man etwas nicht verstehen kann, auch wenn man es noch so sehr will, so dass im Grunde nur übrig bleibt, Mitgefühl zu entwickeln. Mitgefühl mit Mutter und Kind – und das Verurteilen überlassen wir anderen …

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