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Der lange Abschied

Foto einer Schwangeren im Schatten (Bildquelle: Fotolia.de)

Meine Generation teilt sich in der Rückschau wenigstens ein gemeinschaftliches Bedürfnis: Früh von zu Hause ausziehen. Das ist ganz anders geworden. Während man zu meiner Zeit am liebsten schon mit sechzehn ausgezogen wäre, ist es heute schon keine Seltenheit mehr, wenn Kinder im Alter von 25 immer noch zu Hause leben. Das hat sicher viele Gründe, einer dürfte sein, dass sich die Generationen einfach auch besser verstehen. Außerdem, davon bin ich überzeugt, ist die Welt heute wesentlich komplexer, schneller und unübersichtlicher geworden, einerseits, und andererseits werden Kinder deshalb auch später erwachsen. Sie brauchen länger, sich auf diese komplexe Welt eigenverantwortlich einzulassen und sich dort zurecht zu finden.

Wen überrascht es da, dass Eltern durchaus zum Problem werden (können), wenn sich die (längst erwachsen gewordenen) Kinder Partner suchen, die partout nicht in den Kram zu passen scheinen? Schon gar nicht, wenn plötzlich Enkelkinder drohen … und die Großeltern in spe fürchten müssen, als Kinderaufzieher dauermissbraucht zu werden.

Mir scheint manchmal, dass durch die Gesellschaft ein immer größer werdender Riss zu gehen scheint. Auf der einen Seite dieser Linie stehen immer mehr noch relativ junge Leute, die ziemlich klare Vorstellungen von ihrer Karriere, von ihrer Lebensplanung haben, in die sie durchaus auch ihre Eltern und dann eben auch eigene Kinder einbeziehen. Man hat hier nie den Eindruck, dass sie mit irgend etwas nicht zurecht kommen würden.

Auf der anderen Seite der Linie stehen ebenfalls immer mehr junge Leute, die eher vor sich hintreiben und nicht wirklich wissen, was sie können, was sie wollen und welchen Preis sie überhaupt bezahlen können (denn von wollen kann da keine Rede sein). Wenn Kinder kommen, na dann kommen die halt. Werden schon gr0ß werden – und oft genug bleibt das dann an den Großeltern hängen, die es einfach nicht übers Herz bringen, konsequent nein zu sagen und sowohl die Kinder als auch die Enkelkinder sich selbst zu überlassen.

Ich hatte dieser Tage das Vergnügen, dem Gespräch zweier junger Damen zuzuhören, die sich über ihre Partner, deren Expartner und all den damit verbundenen Problemen unterhielten. Nein, ich wollte da gar nicht zuhören. Ich war im Fitness-Studio auf dem Fahrrad und die beiden jungen Damen direkt vor mir, ebenfalls auf dem Fahrrad – und sie unterhielten sich so laut, dass mir gar nichts anderes übrig blieb, als zuzuhören …

Als ich also ihren Problemen unfreiwillig lauschte, wurde mir auf einmal bewusst, dass sie ganz sorglos und frei von wirklichen Nöten aufgewachsen waren und heute völlig selbstvergessen und in persönlichen Nichtigkeiten verstrickt vor sich hin träumten. Sie konnten sich ganz sicher nicht vorstellen, wie schnell die nächsten zwanzig Jahre an ihnen vorbeiziehen werden würden – zwanzig Jahre, in denen sie Verantwortung nicht für eine sondern zwei Generationen übernehmen werden müssen … denn in zwanzig Jahren werden Sie in der Gesellschaft wirkliche Führungsverantwortung haben. Das wird ganz natürlich so kommen, wenn die heute fünfundvierzig bis fünfundsechzigjährigen zu alt dafür sein werden, die Welt zu halten

Kinder zu bekommen, sie aufwachsen zu sehen ist in zweierlei Hinsicht atemberaubend: Zum einen lernt man soo viel, bekommt so wunderbare Geschenke, Tag für Tag, erlebt sich selbst immer wieder neu, entdeckt an sich ganz neue Emotionen – von überwältigenden Glücksgefühlen beginnend bis hin zu Erschöpfung oder größter Sorge – man wird buchstäblich zu einem neuen Menschen. Zum anderen geht das so rasend schnell, dass man sich immer wieder am Kopf kratzt und es nicht glauben will, dass man die Kleinen gerade noch behutsam gebadet und in dicke Tücher gepackt hat und sie heute vielleicht schon in Richtung Abitur gehen …

Wenn Sie noch zu Hause wohnen und in der Situation stecken, dass Ihre Eltern Ihren Partner (und vielleicht auch den gemeinsamen Kinderwunsch oder -segen) ablehnen, dann ist es jetzt vielleicht an der Zeit, Ihr Leben noch mehr in die eigenen Hände zu nehmen. Akzeptieren Sie, dass Ihre Eltern alles ganz anders betrachten – also lohnt sich ein großer Streit nicht. Aber akzeptieren Sie auch, dass Sie gegebenenfalls Ihr Kind werden alleine großziehen müssen. Vielleicht sogar ganz alleine … Nur Mut, alles wird gut … 🙂

Genießen Sie die Zeit … 🙂 … trotzdem … 🙂

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