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Schwangerschaft und Geburt 3.0

Jahrtausende lang, bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts, waren Schwangerschaft und Geburt halt Schwangerschaft und Geburt. Sonst nix.

Im Mittelalter war es ein Privileg, sein Kind zu Hause zu bekommen – in Anwesenheit einer Hebamme. Jedenfalls in den Städten. Arme Frauen gingen ins Geburtshaus, denn das war der einzige Ort, an dem sie einigermaßen in Sicherheit und mit Hilfe anderer Frauen Ihr Kind zur Welt bringen konnten. Das Gebären im Geburtshaus war somit der Vorläufer der heutigen Klinikgeburt.

Bei Geburten auf dem Land kam vielleicht eine Hebamme dazu, vielleicht auch nicht. Oft brachten die Frauen, vor allem Mägde und Bauernhelferinnen, entweder ganz alleine ihr Kind zur Welt, oder mit Hilfe anderer Mägde. Ärzte waren selten, und fast immer weit weg – außer eben in den Städten – und wozu brauchte man einen Arzt? Es kam doch nur ein Kind!

Die Ärzteschaft, oder das, was sich früher dafür hielt, hat Hebammen schon früh die Hoheit über das Gebärwissen streitig gemacht – und zwar erfolgreich. Sie waren studiert und (hielten sich deshalb auch für) gebildet, während Frauen der Zugang zum Studium verwehrt war – folglich waren Hebammen nur Frauen, die schon bei anderen Geburten dabei waren – mehr nicht. Allerdings brauchten Ärzte viel länger als Hebammen, um beispielsweise zu verstehen, wie wichtig Hygiene für die Gesundheit und das Überleben von Mutter und Kind war … Überhaupt waren es die deutlich niedrigeren Sterberaten, wenn Geburt und Nachsorge in den Händen von Hebammen lag, statt bei Ärzten, die Ignaz Semmelweiß darauf brachten, Desinfektionslösungen einzusetzen.

Krankenhäuser gab es eigentlich schon recht früh, aber nur sehr vereinzelt. Erst im 18. Jahrhundert entstanden sie allmählich flächendeckend. Mit deren Auftauchen, gewissermaßen im Schlepptau der Ärzte, wanderten die Geburten nach und nach aus den Geburtshäusern dorthin.

Im 20. Jahrhundert war es zunächst das Dritte Reich, das aus seinem Idealbild einer deutschen Frau heraus den Beruf der Hebammen deutlich aufwertete und Geburten in die häusliche Umgebung drängte – „eine deutsche Frau kriegt ihr Kind zu Hause” … aber schon gegen Ende des Krieges, und dann natürlich vermehrt danach drängten die Frauen selbst zum Entbinden wieder in die Klinik.

Es begann eine Art Katalyse: Man ging zum Frauenarzt, der die Schwangerschaft feststellte. Der wiederum schickte die Frauen zum Entbinden in die Klinik – zu den Fachkollegen und -kolleginnen. Warum? Weil man im Studium lernte, eine Geburt als medizinisches Risiko zu betrachten. Man lernte, dass es so ist, und weil man das so lernte, und natürlich auch, weil sich diese Sichtweise begründen lässt, war es eben auch so. Und natürlich wollten die Frauenärzte, dass ihre Patientinnen gesund und gut versorgt blieben und unter bestmöglichen Umständen Ihre Kinder bekommen konnten – also in der Klinik. Der Stern der Hebammen sank – vor allem der Hebammen, die sich eigentlich auf Geburtshilfe bei Hausgeburten konzentrieren wollten.

Hier der ganze Artikel in der Übersicht:

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