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Notfall Hebamme

Gestern abend lief im Programm des SWR-2 ein Beitrag in der Reihe Kontext: Notfall Hebamme. Er bezieht sich auf die augenblicklich Situation vor allem der freien Hebammen, von denen sich viele gezwungen sehen, nach einer drastischen Anhebung der Prämien für die Haftpflichtversicherungen ihre Existenz aufzugeben.

Mich hat der Beitrag enttäuscht – vor allem, weil er für mein Gefühl nichts anderes tut, als mit in das Klagelied der Hebammen einzustimmen, die im Grunde für nichts anderes als eine bessere Entlohnung streiten. Aber aus meiner Sicht ist ein „weiter so“ nur mit mehr Geld wenig sinnvoll.

Hier meine Hörermail an den Sender:

Raimund Kohl-Füchsle

Raimund Kohl-Füchsle

Was für ein bedauerlicher und oberflächlicher Bericht! Ich hätte mir sehr gewünscht, die verantwortlichen Journalisten hätten sich wirklich mit dem Thema beschäftigt und weniger mit den Klagen der Hebammen, denn die Probleme der Hebammen sind zu einem nicht unbeträchtlichen Teil selbst verursacht. Blickt man mal nach Österreich, sieht man, dass dort die Haftpflichtprämien deutlich niedriger sind, als in Deutschland … warum wohl?! Sind dort die Risiken niedriger?

Sie sagen im Bericht, dass eine Hebamme alleine 8 Geburten betreuen muss, um die Haftpflichtprämien zu decken. Verzeihung: Wie viele Tage hat ein Jahr? Die Hebammen haben ein ökonomisches Problem, ganz ohne Frage und es ist billig, auf die Straße zu rennen und nach mehr Staat und mehr Geld zu rufen – zu billig aus meiner Sicht!

Mich verwundert, dass im Kontext-Beitrag kein einziges mal danach gefragt wurde, ob Schwangere – ob die meisten Schwangeren – Hebammen überhaupt wahrnehmen! Das ist nämlich schon mal eines der Kernprobleme, die Hebammen haben: Sie werden in den meisten Fällen gar nicht wahrgenommen – weil die meisten Frauen in den Kliniken entbinden wollen und die dort tätigen Hebammen als solche gar nicht sehen und sie stattdessen für Krankenschwestern halten.

Ich bin ein leidenschaftlicher Befürworter und Bejaher von Hebammen – aber nicht reduziert auf die Forderung nach einer besseren Entlohnung. Es gäbe sehr viele Möglichkeiten, die Hebammen besser ins Spiel zu bringen. Eine wäre, die Gynäkologen zur Hinzuziehung von Hebammen zu verpflichten. Da per Gesetz nur Hebammen eine Geburt leiten dürfen, wäre das noch nicht mal eine Verzerrung, sondern Logik. Eine weitere Möglichkeit wäre, Hebammen grundsätzlich Belegmöglichkeiten in den (öffentlich-rechtlichen) Kliniken einzuräumen. Dann würde eine Schwangerenbetreuung i.d.R. auch zu einer Geburtsbetreuung führen … ganz von selbst.

Erst, wenn Hebammen überhaupt wieder als solche wahrgenommen werden, wird man ihre Leistungen auch wieder besser abrufen. Auf diese Weise würde sich von selbst die Notsituation der freien Hebammen auflösen.

Der Notfall Hebamme – er ist selbst verschuldet. Ein paar Eurofünfzig mehr lösen diesen Notfall nicht auf!

Es hätte den Hebammen selbst sicher mehr genutzt, wenn der Kontextbeitrag, statt das Weinen der Hebammen unkritisch nachzusingen, auf ihre eigenen Versäumnisse und die tatsächlichen Umstände hingewiesen hätte – obwohl die Hebammen, wie mir scheint, zur Beratungsresistenz neigen.

Die Idee, das Ansteigen der Kaiserschnittrate in Verbindung mit dem Notstand vieler freier Hebammen zu bringen, verfängt nicht. Zwischen zehn und fünfzehn Prozent aller Geburten werden durch einen Kaiserschnitt in einen sicheren Hafen geleitet. Die darüber hinausgehenden Kaiserschnitte, hier vor allem die Wunschkaiserschnitte, beruhen auf der freien Entscheidung der werdenden Mütter. Man mag das für falsch halten, oder für was auch immer, aber es bleibt die Entscheidung der Frau.

Blieben übrig die Kaiserschnitte, die den Kreißenden von den Gynäkologen vorgeschlagen werden und denen sie zustimmen. Der Beitrag, freilich ohne es direkt zu sagen, legt nahe, dass diese Vorschläge mit der höheren Entlohnung zu tun hat, die den Kliniken von den Krankenkassen bezahlt wird. Himmel, geht’s noch? Wollen Sie denn ernsthaft sagen, die Ärzte würden aus rein finanziellen Gründen einen Kaiserschnitt vorschlagen? Sicher nicht – wozu dann also diese Passage im Beitrag?

Es ist tatsächlich so, dass sich immer weniger Frauen intensiv und gut auf die Geburt vorbereiten. Das hat zur Folge, dass sie nicht wirklich gute und sachlich fundierte Entscheidungen treffen (können), wenn sie nach zwölf Stunden Wehen gefragt werden, ob ein Kaiserschnitt nicht doch besser wäre. Aber es sind die Frauen selbst, die diese Entscheidung treffen, erschöpft und an der Grenze ihrer Belastungsfähigkeit. Zwei Dinge muss man sich hier genau anschauen: 1.) Geburten werden von Hebammen geleitet, das sagt jedenfalls das Gesetz – der Vorschlag, jetzt, also beispielsweise nach 12 Stunden Wehen, einen Kaiserschnitt zu machen müsste folglich von den Hebammen kommen. Tatsächlich aber kommt er vom Gynäkologen, denn es gibt eine Krankenhaushierarchie und die Hebamme weiß sehr genau, wer ihr Chef ist. Wieso ist das so?!! 2. Die Entscheidung, wie zu verfahren ist, wenn die Geburt sich länger hinzieht als zu erwarten, hätte die Schwangere in Übereinstimmung mit den Hebammen treffen können, lange bevor sie in die Klinik gegangen war – wäre sie denn besser vorbereitet gewesen. Sind aber viele Frauen heute nicht. Das ist zwar sehr bedauerlich, aber weder von den Klinikärzten ausgenutzt, noch ist es Ursache für den Notfall Hebamme.

Schade – dieser Kontext-Beitrag wäre eine wunderbare Chance gewesen. Nun ist aus meiner Sicht bedauerlicherweise eine vertane Chance geworden.

Genießen Sie die Zeit … 🙂

{ 1 comment… add one }
  • Danke, für diese andere Sichtweise auf den Notfall Hebamme!

    Es ist oft so einfach in bereits tönende Hörner nachzublasen, dass man „vergisst“ mal kritisch zu hinterfragen.

    Es hilft aber oft bei der Lösung eines Problems, dieses mal aus einer anderen Perspektive betrachtet zu bekommen…

    Trotzdem denke ich, das eineurofünfzig mehr für den, wirklich verantwortungsvollen Job der Hebamme, trotzdem nicht schaden könnten

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