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Fluch und Segen: Pränataldiagnose

Lachendes Kind mit Downsyndrom

Wie so oft kommt das Gute mit dem Bösen Hand in Hand. Ist es nicht wunderbar, frühzeitig wissen zu können, ob Sie ein gesundes Kind erwarten? Aber was, wenn ein Test sagt, es gäbe eine große Wahrscheinlichkeit für ein behindertes Kind? Sind Test nicht etwas sehr Gutes?

Ehrlich gesagt bin ich in dieser Hinsicht ziemlich gespalten, denn haben wir nicht alle auch von Fällen gehört, in denen ein behindertes Kind prognostiziert war und ein gesundes geboren wurde?

Wer einmal miterlebt hat, durch welche Hölle eine werdende Mutter geht, bis sie ein „endgültiges Ergebnis“ hat, wird sich selbst diese Frage vielleicht anders beantworten, als jemand anderer.

Wie der Triple-Test wird auch beim Ersttrimesterscreening die Wahrscheinlichkeit für ein Kind mit Chromosomenstörung errechnet. Dafür werden zwei Hormonwerte aus dem Blut der Mutter mit dem Ergebnis der Nackendichtemessung und dem Alter der Mutter kombiniert. Ein Computerprogramm errechnet daraus das persönliche Risiko für ein Kind mit Chromosomenstörung.

Wiederholen wir noch mal kurz die entscheidende Passage: „Ein Computerprogramm errechnet daraus das persönliche Risiko …” Hier steht Risiko, nicht Tatsache!

Die Pest bei der Pränataldiagnostik liegt im Umstand, definitivere Ergebnisse erst in fortgeschrittenerem Stadium der Schwangerschaft liefern zu können.

Das Ersttrimesterscreening wird derzeit bevorzugt, weil es einerseits genauer ist als der Triple-Test (allerdings werden auch hier kranke Kinder immer wieder übersehen); andererseits findet er früher statt, so dass auch eine frühere invasive Diagnostik überlegt werden kann.

Was bei diesen Tests übersehen wird, ist, was sie mit der werdenden Mutter, mit den werdenden Eltern anstellen!

Zum einen bedeutet ein negatives Ergebnis – also kein Befund – keineswegs, dass das Embryo deshalb auch gesund ist. Immer noch kann es eine Fehlgeburt geben, immer noch kann ein behindertes Kind zur Welt kommen. Immer noch kann alles passieren!

Außerdem lassen diese Tests außer Acht, dass gerade durch sie ein stärkeres Bedürfnis in der Bevölkerung entsteht, möglicherweise behinderte Kinder frühzeitig aussieben zu müssen – was umgekehrt gleichbedeutend mit der Idee ist, dass behinderte Menschen weniger wert sind. Nicht dass das jemand offen sagen würde, aber diese Tests implantieren diesen Gedanken automatisch, denn wäre dem nicht so, wozu dann die Tests?

Und doch bin ich gleichzeitig auch der Meinung, Eltern sollten eine Chance haben, sich zu entscheiden, ein möglicherweise schwerstbehindertes Kind  zur Welt zu bringen oder eben nicht. Die Belastungen, die auf die jungen Eltern lebenslang zu kommen können, sollte man, wenn es denn möglich ist, wählen können. Sie sehen, ich bin keineswegs klar und im Reinen mit diesen Tests.

Es bekümmert mich, wenn ich sehe, wie es an einer werdenden Mutter nagt, über Wochen hinweg, bis sie ein Ergebnis hat. Und hat sie es schließlich, hat sie ein Untersuchungsergebnis, eine Wahrscheinlichkeit – kein Kind. Es bekümmert mich, wenn ich mir vorstelle, was in einer erst werdenden Familie stattfindet, je nachdem wie dieser Befund ausfällt. Und stellen Sie sich vor, die werdende Mutter hat schon die ersten Bewegungen und Tritte wahrgenommen, hat schon eine Beziehung aufgebaut – und hört jetzt, dass dieses Kind höchstwahrscheinlich eine schwere Behinderung mit in diese Welt bringen wird. Wer will sich diese Belastung vorstellen?

Ich kenne eine alleinerziehende Mutter, die eine Tochter mit Downsyndrom großzieht – für nichts gäbe sie ihre Tochter her. Und doch: wer wollte mit ihr tauschen?

Pränataldiagnose ist eines dieser so merkwürdigen Entwicklungen, bei denen gut und böse Hand in Hand daher kommen und man beidem auf Gedeih und Verderb ausgeliefert ist. Die Schwangere muss eine Entscheidung treffen. Sie muss – sie hat da keine Wahl, denn auch wenn Sie nicht entscheidet, hat sie ja entschieden – und alles lastet auf ihr und auf ihr alleine.

Manchmal fällt es schwer, die Zeit zu genießen …

{ 2 comments… add one }
  • Ich denke, ganz wichtig dabei ist, dass sich die Schwangere vor der Entscheidung für oder gegen die Diagnostik sehr genau überlegt, was sie im Fall eines Befundes machen würde. Denn ich kenne etliche Frauen, die von ihren Gyns dazu gedrängt wurden, im Nachhinein aber dann selbst sagten ‚ich hätte gar nicht gewusst, was ich mit einer entsprechenden Diagnose dann angefangen hätte.‘

  • Ja – schlimmer noch: Eine Untersuchung des Max-Planck-Institutes hat vor ein paar Jahren ergeben, dass Mediziner häufig(!) einen erschreckenden Mangel an mathematischen Kenntnissen aufwiesen … mit der Folge, Risiko-Abschätzungen völlig falsch vorzunehmen, was sich vor allem bei den Brustkrebsbefunden gezeigt hatte. Was ich persönlich halt so tragisch finde, ist, dass je mehr wir uns alle auf medizinische Befunde verlassen, desto mehr degeneriert unsere persönliche Intuition – und gerade die Intuition ist doch während der Schwangerschaft sehr ausgeprägt …

    rk-f

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