Ein wichtiger Teil einer guten Geburtsvorbereitung ist die mentale und emotionale Vorbereitung: Atemübungen, Entspannungsübungen, etc. Das bieten die Hebammen in ihren Kursen ebenso an, wie HypnoGeburtler oder Urs Camenzind mit seinem Angebot der sanften Geburt.
Aber es gibt (mindestens) noch eine Gruppe, die zunehmend auf den Plan tritt: Die Psychologen und Psychotherapeuten! Gerade diese Gruppe stellt ja die klassischen Vertreter in Sachen Entspannung und mentales Training, Angst- und Stressbewältigung.
In Stuttgart traf ich den Dipl.Psych. Ubald Hullin, der auf seiner Website Stress in der Schwangerschaft bespricht.
Hier unser kleines Interview:
Fragen an den Psychologen Ubald Hullin
Frage: Es gibt viele unterschiedliche „Experten,” die sich aus den verschiedensten Gründen in der Schwangerschaft bzw. der Geburtsvorbereitung tummeln. Weshalb jetzt Psychologen bzw. - therpeuten? Die hätte man doch eher dann auf der Liste, wenn der Schwangerschaftsblues sie zu sehr im Griff hat.
U. Hullin: In Deutschland wird die Zuhilfenahme eines Psychologen immer als ein quasi erzwungenes Eingeständnis dafür verstanden, dass man an einer schweren Persönlichkeitsstörung leidet und damit schlechter ist, als die Normalbevölkerung. In den angelsächsischen Ländern ist das Verhältnis der Bevölkerung zu Psychologen viel entspannter. Dort sucht man einfach einen Sparringspartner, der einem dabei behilflich ist, das eigene Anliegen besser in den Griff zu bekommen. In diesem Sinne ist ein Psychologe im Kontext der Schwangerschaft ein sinnvoller Betreuer für Träume, physische und psychische Spannungen und für Belastungen in den Beziehungen.
Ein Kassenpsychotherapeut bietet als Verfahren Verhaltenstherapie, tiefenpsychologisch fundierte oder analytische Therapie an. Es gibt aber mehrere hundert anderer psychologischer Verfahren, die von der Krankenkasse nicht erstattet werden. Viele dieser alternativen Verfahren sind ausgezeichnet wirksam und den kassenpsychotherapeutischen Ansätzen überlegen.
Eine Kassenpsychotherapie hat einen wenig bekannten Nachteil: die Psychotherapie muss bewilligt werden. Die Bewilligung hat zur Folge, dass der Antragsteller, derjenige der eine Psychotherapie mit sich durchführen lässt, eine amtliche Diagnose bekommt. Diese amtliche Diagnose hat Auswirkungen auf die Gesundheitsprüfung bei Berufsunfähigkeitsversicherungen, privaten Krankenkassen, Zusatzversicherungen, Risikolebensversicherungen, bei der Rentenversicherung und bei Krankentagegeldversicherung usw.). Vor diesem Hintergrund ist zu überlegen, ob eine Kassenpsychotherapie die geeignete Maßnahme in der Schwangerschaft ist.
Frage:Ein Psychologe beziehungsweise eine psychologische Beratung kann einer schwangeren Frau beziehungsweise einem Paar, das Nachwuchs erwartet, dabei helfen, viel spannungsfreier und befriedigender mit dem Thema Schwangerschaft umzugehen?
U. Hullin Ein Psychologe kann negative Gefühle, wie Schuldgefühle, Ängste, Ärger und Sorgen frühzeitig auffangen und damit in ihrer Wirkung neutralisieren, ohne dass daraus eine Belastung beispielsweise in der Beziehung oder der Persönlichkeit entsteht. Er kann dabei behilflich sein, die weltanschaulichen Ansichten, die eine Schwangerschaft belasten, gemeinsam mit Frau oder Paar so zu verändern, dass die Schwangerschaft eine Zeit wirklicher Erfüllung ist. Insofern hilft die psychologische Beratung auch, einer psychischen Erkrankung vorzubeugen.
Frage: Auf Ihrer Website sprechen Sie über Stress als mögliche Folge der Schwangerschaft. Ist Stress denn tatsächlich etwas, um das man sich kümmern muss? Ich dachte, Stress sei ein Teil des Lebens und kommt und geht wie der Wind.
Ubald Hullin: Grundsätzlich ist Stress differenziert zu betrachten. Tatsächlich ist das, was wir als Stress bezeichnen, grundsätzlich nur die Bereitstellung von Energie in unserem Körper, um ein Problem in unserer physischen oder psychischen Wirklichkeit zu lösen.
Wenn wir vom Stress als einen normalen Teil des Lebens sprechen, sprechen wir wissenschaftlich vom so genannten Eustress. Eustress sind die Herausforderungen und Ziele, die wir aus Lust und Liebe, den Neigungen unseres Charakters folgend, mit positiver Leidenschaft angehen. Eustress führt zu den positiven Gefühlen, die wir haben, wenn wir unsere Ziele erreichen. Denken Sie beispielsweise an einen Sportler, der in einem Wettbewerb gut abschneidet oder an einen Angestellten im Betrieb, der eine Gehaltserhöhung bekommen hat. Eustress ist also immer mit Lösungen, die wir erreichen, verbunden.
Der schädliche Stress ist der sogenannte Disstress. Der Disstress ist mit negativen Gefühlen verbunden, die die Folge davon sind, dass keine Lösungen gefunden werden, dass man irgendwie fest steckt. Wenn man lange Zeit festgefahren ist, kann Stress – über bloße Muskelverspannungen im Körper – physische Krankheiten auslösen. Dazu gehören Diabetes, Herzkrankheiten, Übergewicht und führt zu körperlicher Abgeschlagenheit. Im Bereich der Psyche führt lang anhaltender Disstress zu Ängsten, Zweifeln, Ärger, Schlaflosigkeit und Depressionen. Am Ende belastet der Disstress unsere Beziehungen im Privat- und Geschäftsleben, erzeugt Phobien und Zwänge.
Man sollte sich also darum kümmern, vor allem Eustress zu erleben. Bei anhaltenden Disstress ist psychologische Beratung sinnvoll.
Frage: Soweit ich aus vielen Gesprächen mit Schwangeren und damit verbundenen Experten weiß, scheint der bloße Gedanke an die Geburt bzw. das Geburtserlebnis vor allem für Erstgebärende so stresserzeugend zu sein, dass sie ihn fast immer sofort ausblenden und versuchen, einfach nicht daran zu denken. Dieses Verhalten führt oft dazu, dass die Geburt selbst viel schmerzhafter verläuft als sie sein müsste. Lässt sich das nicht alleine durch Geburtsvorbereitungskurse, Atemübung und entsprechender Gymnastik in den Griff bekommen?
Ubald Hullin: Die Geburtsvorbereitungskurse sind mit Sicherheit sinnvoll und sollten von Schwangeren wegen der zu erwartenden positiven Effekte auf alle Fälle genutzt werden.
Wenn wir uns vergegenwärtigen, welche Folgen Disstress hat, dann ist erkennbar, dass Muskelverspannungen und Schmerzen eben genau die Folgen von einer festgefahrenen psychologischen Einstellung in Bezug auf die Geburt verstanden werden können.
Viele Schwangere können sich gar nicht vorstellen, wie wohl und entspannt sie sich fühlen, wenn sie von ihren negativen Emotionen befreit sind und die Disstress auslösenden Erfahrungen auf eine neue Art und positiv annehmen können. Insofern ist zusätzlich zu den Geburtsvorbereitungskursen eine psychologische Beratung zu empfehlen.
Frage:Wann sollte eine Frau, die sich vor allem auf die Geburt vorbereiten will, beispielsweise Sie aufsuchen?
U. Hullin: Es gilt dieselbe Regel, wie für andere geburtsvorbereitende Maßnahmen. Man sollte mit der psychologischen Beratung der Schwangerschaft ab dem fünften Monat beginnen.
Frage: Mit wievielen Sitzungen wäre in etwa zu rechnen?
Ubald Hullin: Eine Beratung pro Monat über einen Zeitraum von sechs Monaten ist zu empfehlen, um in allen Phasen der Schwangerschaft einen guten Sparringspartner zu haben.
Genießen Sie die Zeit …














