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Schwanger bis zum Schluss

Foto eines Neugeborenen (Bildquelle: Fotolia.de)

Samstag war ich mit Frau und Kind eine Kleinigkeit essen. Beim Chinesen im örtlichen Gewerbegebiet. Sehr sehr freundliche Leute, lachen immer. Die Frau dort ist hochschwanger.

Wie lange noch?” frage ich.

Zwei Wochen,” sagt sie und strahlt übers ganze Gesicht.

Junge oder Mädchen?”

Junge! 100%

Sie ist so glücklich!

Können Sie sich das vorstellen: Sie wird praktisch bis zum Einsetzen der Wehen hinter der Theke werkeln, arbeiten, essen anrichten, kassieren – ganz normal wie an allen anderen Tagen. Nix Mutterschutz. Wenn die Wehen tagsüber losgehen, wird sie ihre Schürze ablegen, ihre Tasche nehmen und mit dem Taxi in die Klinik fahren. Wenn jemand anderer von der Familie da ist, wird ihr Mann mitfahren, wenn nicht, wird er mit den Kindern im Geschäft zurückbleiben und erst nach Feierabend zu ihr kommen. Geburtsvorbereitung? Keine Zeit. Sie spricht auch zu wenig Deutsch, um dieses Angebot zu verstehen.

Hebamme? Was ist Hebamme? Sie findet das völlig normal und absolut in Ordnung. Sie ist glücklich!

Ihr Mann und ihre Familie betreiben einen recht erfolgreichen Asia-Imbiss, sie verdienen gutes Geld, sind unabhängig, haben zwei(einhalb) Kinder und finden das Leben wunderbar. Geburt? Wo ist das Problem?

Ich denke oft darüber nach, ob wir nicht alle ein bisschen zu viel Bohai um Schwangerschaft und Geburt machen.

Andererseits, es ist ein Privileg entwickelter Gesellschaften, neue Möglichkeiten der Kultur, des Zusammenlebens zu entdecken und zu erforschen. Schwangerschaft, Geburt, Familie und Karriere neu und aus einer entwickelten Perspektive zu betrachten ist doch großartig. Wir alle leben in einer satten Gesellschaft, in Frieden und in relativem Reichtum. Wie mag eine Frau in den Trümmern Haitis ihr Kind heute oder morgen zur Welt bringen?

Das eben ist der Unterschied: Wir sind keinem unmittelbaren Kampf ums nackte Überleben ausgesetzt. Vielmehr haben wir die Freiheit und die Möglichkeit, ein größtmögliches Erlebnis aus eben Schwangerschaft, Geburt und Elternzeit zu machen.

Insgesamt betrachtet gibt es in Deutschland im europäischen Vergleich die wenigsten Wochen Mutterschutz:  14 Wochen, was der EU Richtlinie von 1992 entspricht. Spitzenreiter ist Bulgarien mit satten 45 Wochen Mutterschutz. Und doch, wenn man die 14 Wochen Mutterschutz zusammen mit der Elternzeit betrachtet, gibt es eine Menge Möglichkeiten, ein völlig neues Leben zu beginnen – oder das alte dramatisch zu verbessern!

Für die, die Englisch können, habe ich rechts oben ein Youtube-Video – ein kleiner Trailer von Leuten (in USA), die ihren Job verloren – und was sie dann daraus gemacht haben. Ich finde es spannend, was möglich ist, wenn sich das Leben plötzlich dramatisch verändert. Und eine Schwangerschaft ändert plötzlich so vieles!

Sie haben wahrscheinlich das Glück, ihren Job nicht zu verlieren, sondern ein Kind in einer Zeit zu bekommen, die es so noch nie gegeben hat. Bei guter Geburtsvorbereitung haben Sie eine große Chance nach der Geburt auf ganz natürliche Weise durch einen großartigen Hormoncocktail so high zu sein, wie vielleicht noch nie zuvor. Und dadurch können Sie das absolut berechtigte Gefühl haben, jetzt alles schaffen zu können, was immer Sie wollen. Und, ja! Das können Sie auch!

Nutzen Sie die Zeit mit Ihrem Baby und nutzen Sie die Elternzeit, um vielleicht einen völlig neuen Schritt in Ihrem Leben zu machen. Vielleicht machen Sie Ihr Hobby zum Beruf? Vielleicht füllen Sie die Lücke in Ihrem Bildungsprofil. Vielleicht könnnen Sie mit Ihrem Mann zusammen eine völlig neue Welt aufbauen. Alles, was Sie dazu brauchen, haben Sie! Machen Sie was draus – Ihre Schwangerschaft, die Geburt, Ihr Baby … das ist Ihre Chance! Genießen Sie die Zeit … 🙂

{ 2 comments… add one }
  • Es ist schon etwas merkwürdig, aber wenn die Frau vom Chinaimbiss glücklich ist … Anders sieht es aus, wenn der Verzicht auf Mutterschutz oder sogar Elternzeit doch nicht so freiwillig ist. Wenn die „selbständige“ Friseurin mit osteuropäischem Migrationshintergrund im Salon mit Babybauch bis zur Geburt arbeitet und dann kurz nach der Geburt schon wieder dort „aushilft“. Entweder weil Sie Ihre Rechte nicht kennt, am Papierkrieg scheitert oder weil sie den Job schlichtweg zum Leben braucht, das ist dann sehr bitter und zeigt, dass trotz der vielen Möglichkeiten nicht jeder seine Chancen auch wirklich nutzen kann.

  • Selbst wenn sie den Job zum Überleben brauchte, hätte sie Rechte … und Möglichkeiten, die aber, genau wie du sagst, nicht in Anspruch genommen werden, weil frau gar nicht weiß, dass sie diese Rechte und Möglichkeiten hat – und selbst wenn sie ahnte, dass es „da was gibt“, es fehlt ihr dann oft an den sprachlichen Mitteln, sich drum zu kümmern.

    Was die Frau vom Asia-Imbiss anbelangt, da sind zwei Punkte, die einem immer wieder ins Auge fallen: Selbstständige betrachten die Situation anders – und werten sie auch anders – und kommen folglich zu anderen Schlüssen. Der zweite Punkt ist, dass es schon das dritte Kind dieser Frau war – da ist natürlich schon viel Erfahrung vorhanden. Das ist etwas, das ja auch alle Hebammen bestätigen: Bei der zweiten Geburt sind die Frauen schon viel entspannter.

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