Stellen Sie sich eine Hausgeburt vor - nachts, in einem Hochhaus ...

Stellen Sie sich eine Hausgeburt vor - nachts, in einem Hochhaus ...

Die Kernvoraussetzung, ein ekstatisches, außergewöhnliches und schönes Geburtserlebnis zu haben, so Dr. Marsden Wagner im Film OrgasmicBirth, ist eine störungsfreie Geburtsatmosphäre. Keine Pflegerin, die schnell mal die Werte am Wehenschreiber und den Wehentropf kontrolliert, kein Frauenarzt, der nur kurz nach dem Rechten sieht. Niemand, den die Niederkommende nicht selbst eingeladen hat, dabei zu sein und zu helfen – oder die Ankunft des Babys zu feiern.

Andererseits können das durchaus viele Leute sein: Warum nicht eine Hebamme, eine Doula, die werdende Großmutter, der werdende Vater, vielleicht noch eine gute Freundin – warum nicht? Keine zwei Frauen sind gleich, also auch keine zwei Gebärenden und was die eine braucht, stört eine andere.

Reden wir nicht lange drum rum: Eine solche Atmosphäre findet sich eigentlich nur zu Hause – im Geburtshaus vielleicht auch, aber im Grunde nur dann, wenn nicht doch zwei oder drei Frauen gleichzeitig ihr Kind kriegen wollen und das Geburtshaus nicht zu klein dafür ist.

Tatsächlich ist dieses Jahr, 2010, das Jahr der Hausgeburten und, um ein Beispiel zu nennen, die Autoren des Buches Luxus Privatgeburt rühren dafür, so gut es eben geht, die Werbetrommel. Ihr Ziel, eine Quote von 10% Hausgeburten zu erreichen. Schön.

Ich bleibe da skeptisch – nicht weil ich das nicht wunderbar fände, Kinder zu Hause zu bekommen. Ich glaube nur nicht, dass das der Weg ist, den die überwiegende Mehrheit an Schwangeren gehen wird … gehen kann! Und welchen Wert hat ein Privileg, das fast niemandem offen steht?

Stellen Sie sich eine Geburt zu Hause in einem Hochaus vor, in einem Wohnkomplex, in einer Mietskaserne. Die Kreißende schreit laut heraus, weil ihr das gerade wirklich gut tut – und es ist nachts um halb eins. Wie lange glauben Sie, kann sie das machen, bis die Nachbarn ärgerlich an die Wand klopfen und die störungsfreie Atmosphäre zerstören?

Ich sage das noch einmal: so sehr ich es begrüße, wenn Frauen sich ihr zu Hause als Geburtsort aussuchen, ich glaube trotzdem, dass der Weg für die breite Mehrheit durch die Entbindungsstationen gehen wird – und hier muss man ansetzen!

Würden Kliniken mit Entbindungen kein Geld verdienen, gäbe es keine Entbindungsstationen – genau an dieser Stelle sind sie empfindlich. Wenn die Frauen “mit den Füßen abstimmen” und ein Krankenhaus so lange boykottieren, bis es den Standard erfüllt, der so nahe wie möglich an eine Hausgeburt heran kommt, wird sich das schnell ändern. Nur muss ein solcher Prozess koordiniert sein und Frauen müssten sich mehr als Kollektiv betrachten denn als Einzelkämpferinnen.

Ein guter erster Schritt wäre vielleicht die Zertifizierung Babyfreundliches Krankenhaus vorauszusetzen, um in einer Klinik zu entbinden – aber eben nur als erster Schritt. Ebenso wichtig wäre, immer eine Hebamme ins Boot zu holen. Immer immer immer. Gut wäre vielleicht auch, darauf zu drängen, dass die Kliniken sich grundsätzlich allen Hebammen öffnen, nicht nur den Beleghebammen. Dann hätten auch wieder mehr Hebammen eine wirtschaftliche Basis.

Es gibt noch viel zu tun … genießen Sie trotzdem die Zeit … :-)

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