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Geduld …

Geburten dauern ... sie müssen halt cool bleiben!

Geburten dauern ... sie müssen Geduld haben

Als ich über unser Schwerpunktthema Vater werden nachgedacht habe, fielen mir, wie sollte es auch sonst sein, meine eigenen Erlebnisse dazu ein. Nun will ich Sie nicht mit meinen Geschichten langweilen, aber ein paar Sachen würde ich doch ganz gern berichten – als Beispiel dafür, wie etwas laufen kann, besser hätte laufen können, oder am Ende besser war, als gedacht. Nicht alles was blöd aussieht ist es auch.

Ich wollte mich damals gerade auf den Weg zur Arbeit machen, als meine Frau die magischen Worte sagte: „Du, Spatz, ich glaube, es geht los …“ Dann also erst ins Krankenhaus und dann zu den Kunden!

Das Krankenhaus hatten wir vorher ausgewählt. Das heißt, wir waren auf einem Vorstellungsabend für Schwangere gewesen und hatten an einem Rundgang durch ihre Entbindungsabteilung teilgenommen …Wie auch immer, jetzt jedenfalls saßen wir in einem Behandlungszimmer, aufgeregt, und staunten erstmal, dass erst eine Krankenschwester (oder war es eine Hebamme?), dann noch eine und schließlich noch der Gynäkologe vorbei kamen und jeder meinte, schnell mal seine Finger in meine Frau zu schieben. Ehrlich jetzt, das hätte ich auf einem Bauernhof im Stall auch nicht anders erwartet! Andererseits hatten meine Frau und ich so gar keine Ahnung, was hier passiert. Wir waren wie Handlungsreisende in einem komischen Film.

Als Kreisende in einer Entbindungsabteilung sind sie zuallererst Kundin! Die Krankenkasse berappt etwa das Doppelte des Betrages für eine Klinikgeburt als sie für eine Hausgeburt bezahlt – nur sollten Sie nicht erwarten, dass das Klinikpersonal sie deshalb als Kunden betrachtet. Zumindest nicht einfach so. Sie könnten ebenso im Geburtshaus oder zu Hause entbinden, aber wenn Sie sich für die Entbindung im Krankenhaus entschieden haben, dann doch nicht deshalb, weil Sie sich krank fühlen, sondern weil Sie zusätzliche Sicherheit wollen. Und ist der Preis, den man dafür bezahlen muss, eine kalte Distanz, die eine Hochschwangere zu einer Sache degradiert?

Als mir schließlich klar wurde, dass das hier länger dauern würde, machte ich mich an meine Arbeit. So etwa alle zwei, drei Stunden unterbrach ich meine Tour und besuchte meine Frau. Es wurde 11 Uhr, 14 Uhr, 17 Uhr und nichts wirklich Entscheidendes passierte. Gegen 20 Uhr war ich mit meiner Arbeit fertig und ganz für meine Frau da – und die Wehen waren eher weniger geworden …

Meine Frau gehört zu den Menschen, die Schmerzen eher in sich vergraben. Als Mann ist man ziemlich alleine gelassen und weiß erst mal gar nicht so recht, was zu tun wäre – falls etwas zu tun wäre. Also sitzt man eine Weile einfach so da und versucht, nah zu sein …

Es wurde neun, dann zehn. Und es zog sich hin. Die Wehen kamen wieder öfter und umso stiller wurde meine Frau … und umso weniger wusste ich, was ich denn tun könnte, es ihr leichter zu machen. Schließlich saß ich auf dem Petziball und sie auf dem Boden, zwischen meinen Knien und gegen den Ball gelehnt. Ich hatte meine Arme um sie gelegt und fing einfach an, eine Melodie zu summen, zu deren Rythmus ich sie leise hin und her wiegte. Sie legte ihren Kopf nach hinten, hatte ihre Augen geschlossen und ließ einfach los. Hinterher erzählte sie mir, dass das der schönste Augenblick gewesen sei. Für mich, in der Stille und der Schummrigkeit des Raumes, war es die intimste Zweisamkeit, die ich je erlebt habe.

Beendet wurde diese Zeit durch Hebammen, die gelegentlich in meine Frau reinfassten, um zu sehen, wie weit es denn ist. Ehrlich: Entsetzlich! Und, natürlich, in der Klinik gibt es Schichtdienst – das bedeutet, dass, über den Zeitraum von morgens bis spät abends, keineswegs immer die gleiche Hebamme kommt und es ist auch nicht so, dass immer nur eine kommt … und keineswegs jede Hebamme hatte eine Erziehung genossen, die es ihr sinnvoll hätte erscheinen lassen, zu fragen, ehe sie ihre Finger in meine Frau steckte …

Das macht mich heute noch zornig. Aber für meine Frau war das nach der langen Weile des Wartens und Leidens einfach nur noch egal. Nach Einlauf und so vielen verschiedenen Händen in ihrem Bauch, blendete sie das einfach aus und ließ es über sich ergehen – und wer will auch schon in einem Krankenhaus in der Zeit des Wartens auf die Geburt einen riesigen Aufriss loslassen … und überhaupt, sie wollte doch nur noch, dass es endlich vorbei war!

Und endlich der Auftritt des Stars! Kurz vor elf rauschte seine Majestät der Beleggynäkologe herein, nickte uns kurz zu, fummelte an meiner Frau herum und entschied kurzerhand, dass das jetzt alles zu lange dauert. Noch bevor ich wirklich verstehen konnte, was da gerade vor meinen Augen passiert, hatte er einen Dammschnitt gemacht und mit der Zange den Jungen geholt. Glauben Sie mir, ich bin nicht leicht zu schockieren, aber dieser Auftritt hat in mir eine nie gekannte Wut aufkommen lassen – noch gesteigert durch die Bemerkung einer an mir vorbeilaufenden Hebamme, dass das völlig überflüssig gewesen sei …

Und um meinen Zorn vollends auf die Spitze zu treiben, wurde der Junge auch noch sofort nach der Entbindung fotografiert. Mir zerreißt es heute noch fast das Herz, wenn ich mich daran erinnere, wie der Kleine heftigst durch das Blitzlicht geblendet zusammenzuckte! Ist das wirklich so wahnsinnig wichtig, ein Bild zu haben, dass das Baby eine Minute nach der Geburt zeigt?

Aber meine Frau war glücklich 🙂 Und der Junge war da und verschwand, ruck zuck, im Brutkasten, um ihn ein bissel aufzuwärmen. Und seine Majestät, der Gynogockel verschwand ebenso schnell – wahrscheinlich zu unser aller Glück …

Und so sehr ich diesem Arzt noch heute an die Kehle gehen könnte, so sehr war ihm meine Frau dafür dankbar! Für sie, sagte sie mir, traf endlich jemand eine Entscheidung, so dass es zu Ende ging, denn sie war einfach total erschöpft.

Sie sehen, nicht alles, das blöd aussieht, ist es am Ende auch.

{ 2 comments… add one }
  • Hallo,
    so schwierig wie die Situation auch war, und so viel Wut man auch im Bauch hatte – das wichtigste ist doch aber, dass alles gut gegangen ist und alle wohl auf wahren.

  • Mit Verlaub und aus meiner Sicht: Nein! Das ist nicht das Wichtigste, denn vom Ergebnis her lässt sich immer alles rechtfertigen. Nein. Das wichtigste aus meiner Sicht ist, vorbereitet zu sein. Da man vorher nie weiß, was kommen wird, ist die persönliche Einstellung auf plötzliche, wie auch immer geartete Veränderungen das Entscheidende. Also gehört auch dazu, sich informiert zu haben, was denn alles kommen kann, was schief gehen kann, wie man auf welche Veränderungen reagieren und kann und was jeweils die Vor- und Nachteile sind. Wie der Volksmund eben sagt: Vorbereitung ist alles 🙂

    Wenn man eine Interpretation vom Ergebnis her zuließe, dann wären folgende Szenarien denkbar: Na ja, das Baby ist doch gesund und geboren, das ist doch das wichtigste (was zählt da der Rest?). Oder: „Das wichtigste ist doch, dass es der Mutter einigermaßen gut geht …“ Das lässt sich dann in jede beliebige Richtung hin ausdehnen, je nachdem, welcher Präferenz der Ansager folgt 🙂

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